Buddhismus und soziale Arbeit

Achtsamkeit, Mitgefühl und Verbundenheit in einem Jobcenter?

Buddha-Statue

Die über 2.500 Jahre alte Lehre des Buddha Shakyamuni Gautama kann heute nachhaltig in der sozialen Arbeit wirken, ohne dass Räucherstäbchen glimmen und meditiert werden muss. Sehen und anerkennen was ist, Klienten mit offenem Herzen, achtsam und mitfühlend auf Augenhöhe begegnen – das ist möglich. Schauen wir – beispielhaft – in den Mikrokosmos der deutschen Jobcenter.

Kontrolle statt Kontakt bestimmt die soziale Arbeit in Deutschland

Begriffe wie Zuversicht, Mitgefühl, Freude, Achtsamkeit, Verbundenheit, Gewahrsein und Intuition sind im Vokabular der Paragraphen aus den gesetzlichen Grundlagen für die Jobcenter nicht enthalten und auch in der alltäglichen Kommunikation nicht vorgesehen. Ziele werden in Zahlen vorgegeben, die Qualität der Arbeit in Zahlen gemessen und bewertet – und nicht an der Qualität der Kommunikation, des Miteinanders der Beteiligten. Diese Vorgaben betreffen nicht nur Jobcenter, sondern gelten für das gesamte staatlich gelenkte System der sozialen Arbeit in Deutschland.

Oliver Groth schreibt im Vorwort zur DiplomarbeitSpiritualität als Ressource und Leitfaden für die Soziale Arbeit“ von Vitus Beck über „Kontrolle statt Kontakt“ und von „Dokumentation statt Vertrauen und Menschlichkeit„.

Zurück zu Jobcentern erscheint es klar, dass dort kaum ein Mensch, der Hilfe und Unterstützung benötigt, mit Zuversicht und Freude hingeht.

Das Konstrukt „Hartz IV“ – aus meinem Verständnis ein unseliger Begriff – basiert auf der Paragraphensammlung des Sozialgesetzbuch (SGB) Zweites Buch (II) – Grundsicherung für Arbeitsuchende, kurz SGB II und soll Menschen in Deutschland die notwendigste Existenzsicherung gewähren, sie fordern und dabei unterstützen, die Hilfebedürftigkeit zu überwinden oder wenigstens zu verringern. Eine wichtige Grundlage ist die Beratung der leistungsberechtigten Menschen.

Das Erleben jener Beratungsgespräche in einem Jobcenter ist individuell, vielschichtig und verschieden, sowohl bei leistungsberechtigten Klienten als auch bei den Jobcenter-Beratern. Von außen wie innen betrachtet gibt es ein Ungleichgewicht des „Fördern und Fordern“ (Leitsatz zum SGB II), zwischen Klienten und Beratern. Die Wahrnehmung und reales Erleben fällt zu Gunsten des Forderns und zu Gunsten der Berater aus, die in dem System immer „das letzte Wort“ haben und auch über Sanktionen (mit finanziellen Einbußen für die Klienten) einwirken können.

Natürlich gibt es viele positive Ansätze und Instrumente des Förderns, die die Beraterinnen und Berater in Jobcentern individuell mehr oder weniger nutzen und die gleichwohl positive Effekte für das Leben und Erleben der Klienten begünstigen. Zum Credo der Beratungsarbeit gehört aber in jedem Fall die Betonung auf die sogenannte „professionelle Distanz“ zwischen Berater und Klient.

Die Berater schirmen sich vom Hilfesuchenden ab. Das führt zu einem „professionellen“ Abstand. Der Hang zum Verdrängen des Leides lässt die Realität nicht sichtbar werden. Helfer verstecken sich häufig hinter Professionalität und nehmen damit in Kauf, daß Hilfe am Hilfesuchenden vorbeigeht.“ (Aus „Der Pfad des Mitgefühls – Wie der Buddhismus als spiritueller Weg in die soziale Arbeit einfließen kann“ – Diplomarbeit von Catarina Skirecki).

Verbundenheit in Gleichmut statt professioneller Distanz

Es stellt sich die Frage, ob die „professionelle Distanz“ und das Einsortieren der Lebensentwürfe und Schicksale der Klienten in Begriffe wie „Case-Management“ oder Fallmanagement wirklich nötig ist.

Um den besten Weg in der sozialen Arbeit im Rahmen der Überwindung oder wenigstens Verringerung der Hilfebedürftigkeit als Ziel aus dem SGB II gemeinsam zu finden, zu gehen und immer wieder zu überprüfen und anzupassen, könnte es sehr hilfreich sein, wenn Distanz und Verstecken überwunden werden. Das Heft hat zunächst immer der Berater in einem Jobcenter in der Hand, der dem jeweiligen Klienten zeigen kann, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe, mit offenen Herzen, Klarheit und Vertrauen sehrwohl möglich ist. Dieses grobe idealistische Bild bildet weder die Realität in deutschen Jobcentern noch anderer (staatlich gelenkter) Institutionen im Bereich sozialer Arbeit in diesem Land ab.

Das wissen betroffene leistungsberechtigte Menschen und auch einige Beraterinnen und Berater in den Jobcentern, und die Öffentlichkeit hat dazu auch ein bestimmtes Bild über die Beteiligten erschaffen.

Die Lehre des Buddha hat ein anderes Bild des Lebens und Erlebens der Menschen entworfen, der Aspekt der Achtsamkeit gelangt immer häufiger in das Bewusstsein der Menschen. Vitus Beck hat in seiner Diplomarbeit dargestellt, wie derart bereichernd Buddhismus und Spiritualität in den Alltag der sozialen Arbeit eingebracht werden und wirken kann. Indem Beraterinnen und Berater erfahren und erkennen mögen, dass der Klient weder „Klient“ noch „Fall“ ist sondern beide als Menschen, jenseits ihrer Rollen als Berater und Klient, miteinander verbunden sind. Dass Konstrukte, Konzepte, Kontrolle und Vorgaben verschleiern, was wirklich ist und allein die Beziehung zueinander das ist, was zählt.

Einen solchen Weg im Alltag der sozialen Arbeit zu gehen, erfordert einiges an Anstrengung, Selbstdisziplin, Achtsamkeit, Überwindung des Ego und Mut sowie Vertrauen, die bisherige Perspektive zu wechseln. Dieser Weg wird gutes Karma bewirken, „allein die Absicht zählt“ (Buddha Shakyamuni Gautama).

Mögen auch die Diplomarbeiten von Vitus Beck und Catarina Skirecki dazu beitragen, unsere von Vorstellungen und Konzepten überlagerten Denkweisen zu überprüfen und zum Wohle der in der sozialen Arbeit tätigen Menschen und derer, die Unterstützung und Hilfe suchen, wirken.

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