Das Geschenk von Zeit

Versenke dich ins Sein

Zeit als Geschenk

© Priscila Tonon Ramos / flickr

Zeit bestimmt unser Leben. In der relativen Wirklichkeit unseres Lebens scheinen wir der Zeit unterworfen zu sein. Und jeder Mensch erlebt Zeit individuell. Das Empfinden von Langeweile, das Gefühl von Hektik, unter Strom zu stehen, zeigt uns, wie unterschiedlich wir Zeit wahrnehmen können. – Im Rahmen der Sendereihe scobel wurde am gestrigen Donnerstag Das Phänomen Zeit untersucht.

Zeit nutzen und benutzen wir ständig, unbewusst oder gar bewusst, wir gewinnen Zeit, wir verlieren Zeit, wir erleben Vergänglichkeit, die Zeit bleibt schließlich nicht stehen … Und manchmal erleben wir, dass die Zeit eben doch stehen bleibt, immer dann, wenn wir in Momenten absolut präsent im Hier und Jetzt sind. In solchen Momenten der Achtsamkeit lässt sich der Geschmack von Zeitlosigkeit, von Ewigkeit erleben und die Ahnung, dass Zeit nicht existiert.

    In der tiefen spirituellen Erfahrung
    werden wir gewahr,
    dass ES selbst ganz still ist
    und nur die äußeren Formen kommen und gehen.
    Dann endlich erkennen wir,
    dass wir uns immer schon gekannt haben
    und entdecken,
    dass wir wiedergefunden haben,
    was wir immer schon gewusst
    und nur vergessen hatten.
    Es gibt nur das zeitlose Jetzt.

Von Willigis Jäger in „Jenseits von Gott

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Nachfolgend schreibt Dr. Rick Hanson über Innehalten und Nichthandeln, dem Geschenk von Zeit.

Wenn ich in der therapeutischen Praxis mit einem Kind arbeite, das bessere Selbstkontrolle lernt, dann frage ich manchmal, ob es gern ein Fahrrad ohne Bremsen fahren würde. Die Antwort – selbst von den Lebhaftesten unter ihnen – ist immer „Nein“. Sie verstehen, dass keine Bremsen zu haben entweder eine langweilige Fahrt oder einen Zusammenstoß bedeutet. Durch das Bremsen können wir paradoxerweise schneller fahren und haben dabei mehr Spaß.

Im Leben ist es genauso. Ob wir mit Kritik bei der Arbeit zu tun haben, mit einem Partner, dessen Gefühle verletzt wurden, einem inneren Drang, verbal zu explodieren, oder einer Möglichkeit zur Befriedigung eines Wunsches, die später negative Folgen haben wird – wir müssen in der Lage sein, für einen Augenblick auf die Bremse zu treten und innezuhalten. Sonst stoßen wir auf die eine oder andere Art zusammen.

Das Geschenk von Zeit

Dein Gehirn arbeitet durch eine Kombination von Anregung und Hemmung: Gaspedale und Bremsen. Nur zehn Prozent der Neurone des Gehirns sind hemmend, aber ohne ihren lebenswichtigen Einfluss würde es in unserem Gehirn zum Zusammenstoß kommen. Einzelne Neurone, die überstimuliert sind, werden beispielsweise absterben und bei Krampfanfällen gibt es eine Art Endlosschleife der Erregung.

Im Alltag gibt uns das Innehalten das Geschenk von Zeit. Zeit, damit andere etwas sagen können, ohne das Gefühl zu haben, unterbrochen zu werden. Zeit, um herauszufinden, was wirklich los ist, sich zu beruhigen und zu zentrieren, die Prioritäten zu finden und eine gute Reaktion vorzubereiten. Zeit, um erhitzte Gefühle mit kühler Vernunft zu betrachten, und enge Meinungen mit Offenherzigkeit zu weiten. Zeit, damit die guten Engel unseres Wesens in unserem Geist fliegen können.

Gönne dir selbst den Luxus, nicht zu handeln

Manchmal verfangen wir uns so sehr in unaufhörlichem Tun, dass das Tun zur Gewohnheit wird. Finde deinen Frieden darin, manchmal einfach nur zu sein.

Halte einige Male am Tag für einige Sekunden inne

Verbinde dich mit dem, was gerade in dir geschieht, besonders unter der Oberfläche. Nutze diese Pause, um Raum für deine Erfahrung zu machen, so als würdest du eine lang verschlossene Kammer zu einem großen Raum erweitern. Begegne dir selbst.

Nimm dir einen Moment Zeit, bevor du handelst

Sei vollkommen präsent, bevor du eine gewohnte Handlung vollziehst. Nutze dazu die Mahlzeiten, das Starten des Autos, das Zähneputzen, Duschen und Telefonieren.

Warte mit der Antwort

Wenn jemand etwas zu dir gesagt hat und seinen letzten Satz gesprochen hat, lass dir mit der Antwort etwas länger Zeit als gewöhnlich. Lass das Gewicht der Worte des anderen – und noch wichtiger, die darunterliegenden Anliegen und Gefühle des Menschen – wirklich in dich einsinken. Achte darauf, wie sich dieses Innehalten auf dich auswirkt – und wie es auch die Reaktion des anderen auf dich verändert.

Wenn eine Interaktion heikel oder hitzig ist, verlangsame sie

Du kannst das für dich tun, auch wenn der andere unablässig weiterredet. Ohne provozieren zu wollen, könntest du einige Sekunden mehr Stille (oder sogar noch länger) erlauben, bevor du antwortest oder in einer angemesseneren Weise sprichst.

Wenn es nötig ist, kannst du Interaktionen unterbrechen und vorschlagen, das Gespräch später fortzusetzen – du kannst dir eine Auszeit nehmen oder (als letzte Möglichkeit) dem anderen sagen, dass du das Gespräch beenden möchtest, und den Telefonhörer auflegen. In den meisten Beziehungen brauchst du nicht die Erlaubnis des anderen, um eine Interaktion zu beenden! Natürlich wird eine Unterbrechung mitten im Gespräch (das sich zu einem Schlagabtausch entwickelt hat) leichter möglich sein, wenn du eine neue, realistische Zeit vorschlägst, um das Gespräch weiterzuführen.

Bevor du etwas tust, das später Probleme bringen könnte, halte inne

Bevor du dich betrinkst, etwas Teures mit der Kreditkarte kaufst, eine gereizte E-Mail verschickst oder über jemanden hinter seinem Rücken sprichst, halte inne und sieh die Konsequenzen voraus. Versuche, sie dir so real wie möglich vorzustellen: das Gute, des Schlechte und das Hässliche. Und dann entscheide dich.

Und als Letztes:

Halte jeden Tag für eine Minute oder länger vollkommen inne

Sitze einfach – als entspannter und atmender Körper. Lass Gedanken und Gefühle kommen und gehen, wie sie es natürlicherweise tun, und jage ihnen nicht nach. Du musst nirgendwohin gehen, nichts tun, niemand sein.

Höre auf mit dem Tun, versenke dich ins Sein.

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Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er ist erstmals in Rick Hansons Buch zum Newsletter Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha erschienen. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

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