Das Leiden der anderen

Wie wir Wunden anderer heilen können

Trost

Zur Natur eines bewussten und intensiven menschlichen Lebens gehören das Licht der Freude und tief empfundenes Leid im Ozean des Seins (Samsara).

In der westlich geprägten Spasskultur bleibt dies oft verborgen, Mitfreude und Mitgefühl für andere Menschen sind eher schwach ausgeprägte Herzens- qualitäten.

Unser eigenes Leiden

Normalerweise sind wir uns unseres eigenen Leidens relativ bewusst. Dazu gehört – im weitesten Sinne – das ganze Spektrum des körperlichen und mentalen Leidens, von leichten Kopfschmerzen oder Ängsten bis zur Qual eines Knochenkrebs oder der Verzweiflung beim Verlust eines Kindes.

(Anmerkung: Sicher gehört mehr zum Leben als Leiden, einschließlich großer Freude und Erfüllung; aber trotzdem wollen wir uns hier auf diesen einen Punkt fokussieren.)

    Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.“ – Rainer Maria Rilke

Das Leiden in anderen sehen

Das Leiden in anderen Menschen zu sehen, das ist nicht so verbreitet. All die Nachrichten und Bilder über Katastrophen, Mordfälle und Trauer, die uns jeden Tag bombardieren, stumpfen uns ironischerweise ab gegenüber dem Leiden in unserem eigenen Land oder auf dem Planeten. Nah am eigenen Leben ist es leicht, sich mit dem Stress und den Belastungen, dem Ärger und der Wut nicht zu verbinden oder sie einfach erst gar nicht zu bemerken – bei den Menschen, mit denen wir arbeiten, leben oder gar schlafen.

Zeugnis ablegen, damit die Wunden heilen können

Natürlich entstehen dadurch Probleme für andere. Oft ist es für einen anderen Menschen am Wichtigsten, dass jemand von seinem oder ihrem Leiden Zeugnis ablegt, dass jemand es wirklich versteht; und wenn das nicht geschieht, bleibt eine Wunde und eine Sorge. Und auf der praktischen Ebene werden sie kaum Hilfe bekommen, wenn ihr Leiden unbemerkt bleibt.

Zudem schadet es auch dir, wenn du das Leiden nicht siehst. Du verpasst Informationen über die Natur des Lebens, verpasst Möglichkeiten, dein Herz zu öffnen, verpasst Lektionen über deine Wirkung auf andere. Kleine Probleme, die zu Beginn leicht gelöst werden könnten, wachsen, bis sie explodieren. Menschen mögen es nicht, wenn man ihren Schmerz übersieht, sie reagieren also dann eher übertrieben oder lassen dich allein, wenn du derjenige bist, dem es nicht gut geht. Kriege und Probleme, die so weit weg schienen, kommen über unsere Grenzen; um John Donne sinngemäß zu zitieren, wenn wir nicht die weit entfernte Glocke hören, die für andere schlägt, dann wird sie schließlich für dich und mich läuten.

Das Leben der anderen

Melancholischer Blick

Sieh dir diese Woche die Gesichter an – bei der Arbeit, beim Gehen auf der Straße, im Einkaufszentrum, am Essenstisch. Achte auf die Besorgnis, die Abwehr gegen das Leben, die Skepsis, Gereiztheit und Anspannung. Spüre das Leiden hinter den Worten. Spüre in deinem eigenen Körper, wie es wäre, das Leben des anderen Menschen zu leben.

Sei vorsichtig, um nicht überwältigt zu werden. Nimm es in kleinen Dosen und seien es nur jedes Mal ein paar Sekunden. Wenn es hilft, erinnere dich an einige der glücklichen Wahrheiten des Lebens oder das Gefühl, mit Menschen zu sein, die dich lieben. Wisse, dass es für jeden Menschen 10.000 Gründe in der Vergangenheit gibt, die zu diesem Moment geführt haben: so viel Komplexität, so schwer, einem einzelnen Faktor die Schuld zu geben.

Und dann öffne dich wieder dem Leiden in deiner Umgebung. Einem Kind, das sich vernachlässigt fühlt, einem Arbeiter, der seine Entlassung fürchtet, ein Paar, das sich streitet. Gehe nicht einfach bei den Abendnachrichten über die Gesichter, sieh das Leiden in den Augen, die dich anschauen.

Wie fühlt es sich an, sich dem Leiden zu öffnen?

Beobachte die Menschen, die dir am Nächsten stehen, höre ihnen zu. Was tut ihnen weh? Sieh es an, auch wenn du zugeben musst, dass du zu den Ursachen des Schmerzes zählst. Wenn es angemessen ist, stelle jemandem Fragen und spreche über die Antworten.

Wie fühlt es sich an, sich dem Leiden zu öffnen? Du könntest herausfinden, dass es dich den anderen Menschen näher bringt, und dass mehr Freundlichkeit zu dir zurückkommt. Du könntest dich tiefer in der Wahrheit der Dinge verwurzelt fühlen, besonders darin, wie es den Menschen um dich herum wirklich geht.

Fasse Mut! Sich dem Leiden zu öffnen ist eines der mutigsten Dinge, die du tun kannst.

.

Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson

Bildquellen:
1. Trost – Foto: lichtkunst.73 / pixelio.de
2. Melancholischer Blick – Foto: Antje Knepper / pixelio.de

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Recognize suffering in others veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Im November 2012 erschien im Arbor Verlag das gleichnamige Buch zum Newsletter: Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Buddhismus mit den Schlagworten , , , , , , , , , , . Speichern des Permalink. Folgen von Kommentaren mit dem RSS feed für diesen Beitrag. Einen Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlassen: Trackback URL.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.