Das Wesen hinter den Augen

Lass dich von Masken nicht täuschen

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Die meisten von uns tragen eine Art Maske, eine Persona, die unsere tiefsten Gedanken und Gefühle verbirgt, und die der Welt ein glattes, kontrolliertes Gesicht zeigt.

Um das hier voranzustellen: eine Persona ist gut. Meetings bei der Arbeit, Urlaub mit den Schwiegereltern oder die erste Verabredung sind normalerweise nicht der beste Zeitpunkt, um dich vollkommen offen zu zeigen. Nur weil du auswählst, was du der Welt zeigen willst, bedeutet das nicht, dass du unehrlich bist. Verlogenheit ist es nur dann, wenn du in Bezug auf das, was wirklich in dir vorgeht, lügst.

Oft interagieren wir mit anderen Menschen von Maske zu Maske. Und es gibt einen Platz dafür. Aber erinnere dich an Zeiten, wo jemand durch deine Maske hindurchgesehen und dein wahres Wesen berührt hat, den Menschen hinter deinen Augen. Wenn du so wie ich bist, dann waren diese Momente sowohl beunruhigend als auch wunderbar.

Wenn dein innerstes Wesen von jemandem erkannt wird

Obwohl es uns Angst machen kann, sehnt sich jeder danach, gesehen und erkannt zu werden. Damit meine ich, dass deine Hoffnungen und Ängste, die hinter einem höflichen Lächeln oder einem frustrierten Stirnrunzeln verborgen sind, anerkannt werden. Dass deine wahre Fürsorge gesehen wird, genauso wie deine positiven Absichten und dein natürliches Gutsein. Am vertrautesten ist es wohl zu spüren, dass dein innerstes Wesen – jenes, das Dinge erlebt, das angeschnallt in der Achterbahn des Lebens sitzt und versucht, einen Sinn darin zu finden, bevor dieses endet – von jemandem erkannt wird.

Wenn du in anderen das Wesen hinter den Augen spürst

Und das geht in beide Richtungen: Andere sehnen sich genauso danach von dir gesehen zu werden. Neben der Tatsache, dass es anderen Menschen gut tut, wenn du die Person hinter ihren Augen siehst, ist es auch gut für dich. Gesehen werden ist oft das zentrale Thema, die höchste Priorität und für andere Menschen wichtiger als die Frage, ob du mit ihnen übereinstimmst. Wenn jemand von dir das Gefühl bekommt, dass er oder sie als eine Person existiert – nicht nur als Schmerz im Nacken oder als jemand, mit dem du klarkommen musst, um dieses Meeting, dieses Essen, diese Nacht, dieses Telefongespräch, diese sexuelle Erfahrung zu überstehen – dann ist es viel leichter, sich dem aktuellen Thema zuzuwenden, was immer es sein mag.

Die tiefsten Ebenen in anderen Menschen zu spüren, kann dich auch in anderer Weise nähren. Ich hatte beispielsweise eine Verwandte mit einem großen Herzen, aber einer schwierigen Persönlichkeit, die mich manchmal ziemlich wahnsinnig machte. Ich begann schließlich, mir vorzustellen, dass das Zusammensein mit ihr so war, wie durch ein Gitter mit dornigen Zweigen auf ein Lagerfeuer zu schauen. Ich fokussierte mich auf die hindurchscheinende Liebe und wärmte mein Herz und verfing mich nicht länger in den Dornen. Das half uns beiden sehr.

Spüre in dieser Woche bei verschiedenen Menschen die Person hinter den Augen. Das ist kein Wettbewerb im Hingucken. Es kann in der Tat sogar helfen, wegzuschauen, um sich nicht von oberflächlichen Einzelheiten ablenken zu lassen. (Obwohl ich das Wort sehen verwende, hörst du im anderen natürlich auch den Menschen hinter den Worten und spürst die Person, wie sie sich in dem Körper, der dir gegenübersitzt, ausdrückt.)

Nimm dir einen Moment, um dich zu entspannen und deine Ideen über den anderen Menschen loszulassen und öffne dich voll und ganz dem Wesen, das dort irgendwo in der Tiefe lebt – vielleicht verunsichert, sich schützend und in einer problematischen Weise handelnd, aber sich in Wirklichkeit nur nach Glück und einem Weg nach vorn im Leben sehnend.

Lass sie sehen, dass du sie siehst

Du könntest auch dein innerstes Wesen spüren und dir dann diesen Kern im Innern des anderen Menschen vorstellen – dieses Gefühl des Lebendigseins, den Empfänger von Erfahrungen, denjenigen, für den das Leben manchmal schwierig ist.

Lasse die Person durch dein Gesicht und deine eigenen Augen die Erkenntnis von ihr sehen. Sei mutig und lass sie sehen, dass du sie siehst.

Achte darauf, wie diese Erkenntnis die Richtung eines Gesprächs verändert – vielleicht wird es sanfter, authentischer und führt leichter und schneller zu einer guten Lösung.

Als eine fortgeschrittene Praxis könntest du das Thema sogar auch mit jemandem ansprechen und sagen, wie sehr du dich von ihm oder ihr als Mensch gesehen (oder nicht gesehen) fühlst. Diese Art von Gespräch kann eine Beziehung transformieren.

Und letztendlich genieße es, ein Mensch zu sein, ein Kanal, durch den dein Leben fließt – wobei einige der wertvollsten Ströme die anderen Menschen um dich herum sind.

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Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson

Bildquelle:
1. Cover – Foto: Clarissa Schwarz / pixelio.de

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel See the person behind the eyes veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Im November 2012 erschien im Arbor Verlag das gleichnamige Buch zum Newsletter: Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha.

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