Die Zeit im Augenblick

Mit Kindern den Moment entdecken

Lausbuben

Wenn es eine gemeinsame Erfahrung gibt, die viele Eltern vor allem kleiner Kinder teilen, dann ist es wohl die, über Jahre hinweg wenig Zeit für sich zu haben. Bei vielen gibt es eine große Sehnsucht nach ein paar Minuten, um ungestört zu duschen, konzentriert zu lesen, ein ruhiges Gespräch zu führen oder einfach mal Löcher in die Luft zu starren. Denn so sind wir es ja aus unserem Leben vor den Kindern gewöhnt: Es gibt Zeiten für Arbeit und Zeiten für Freizeit, es gibt Zeit mit Freunden und Zeit für uns selbst. Und es gibt Schlafenszeit! Mal abgesehen von der Arbeitszeit, besitzen wir oft ein hübsches Zeitkonto, über das wir ganz nach Lust und Laune verfügen können. Und oft sind wir ganz davon überzeugt, dass das einfach so ist und dass es so bleiben wird …

Dann aber kommen Kinder in unser Leben und mit ihnen die Erfahrung, dass es Zeiten gibt, in denen wir wie durch den Schleudergang der Waschmaschine gewirbelt werden, an denen man nicht mehr weiß, wo eigentlich oben und unten ist, und auch nicht, wie man noch Luft schnappen soll. In denen wir nach Sicherheit suchen – und festhalten an der Vorstellung, dass man Zeit einteilen muss und dass die Zeitwerkzeuge der Arbeitswelt auch im Zusammensein mit Kindern funktionieren sollten.

An der Überzeugung, dass man sich einfach nur mehr anstrengen muss, um es richtig zu machen und alles „auf die Reihe“ zu kriegen. An der Idee, dass man Zeit „sparen“ und sie dann für wichtigere Dinge wieder „ausgeben“ kann. Manchmal kleben wir wie die Kletten an unseren Überzeugungen und entwerfen Pläne über Pläne, um Zeit einzuteilen. All diese Pläne aber haben oft nur eines gemeinsam: Sie sind nicht von Dauer. Meistens überleben sie nicht einmal ihre ersten 24 Stunden, weil sich genau im nächsten Moment der erwartete Mittagsschlaf nicht einstellt, der Rhythmus wieder ein anderer ist, das Kind krank wird oder irgendeine Alltagswelle mal wieder alle Planungen auf den Kopf stellt.

Das Wesen der Zeit

Es gibt in uns eine große Verwirrung über das Wesen der Zeit. Wir stellen uns vor, dass man sie besitzen kann, dass sie uns zusteht und dass man etwas ändern, tun oder besser machen muss, um sie ganz zu haben. Dabei ist die Zeit ja immer da. Zeit, die wir nicht wahrnehmen, weil wir gedanklich gerade dabei sind, sie zu verplanen. Wie aber soll uns die Zeit denn eigentlich finden, wenn wir doch gar nicht bei uns selbst zu Hause sind?

Im Wachsen und Sein mit Kindern aber, wenn wir beginnen wahrzunehmen und zu beobachten, wie Kinder ihre Zeit bewohnen, kann sich auch in uns selbst noch einmal ein ganz anderes Bewusstsein für das Wesen der Zeit ausbreiten. Kleine Kinder sind ja noch mit dem Sein im Augenblick verbunden: Ihre Offenheit für diesen Käfer in diesem Augenblick, ihre Fähigkeit konzentriert und neugierig zu schauen, zu spielen und dabei ganz im Tun und im „da sein“ zu versinken – all dies in ihrer unmittelbarer Nähe zu erleben macht uns selbst zu einem Teil der kindlichen Welt, in der Zeit nicht an Terminen ausgerichtet ist. Wir haben noch einmal die Chance, zu erfahren, dass sich unsere Zeit ganz aus dem Augenblick heraus entfaltet, dass ihr eine bestimmte Qualität innewohnt, vielleicht auch eine Farbe oder eine besondere Textur.

Bewusstes Anhalten und Ankommen

In unserer Erwachsenenwelt erleben wir natürlich Termine. Manches muss getan und geplant werden. Und ja, die Zeit reicht eigentlich nie, Einkaufslisten sind lang, Wäschekörbe voll, Wochen rasen dahin und das Auto muss auch mal wieder in die Werkstatt. Zweifelsohne fehlt es in unseren Familien auch sehr oft an Unterstützung und helfenden Händen. Und gleichzeitig gibt es mehr und anderes als das. Es gibt das Dasein hier und jetzt, es gibt bewusstes Anhalten und Ankommen. Es gibt die Möglichkeit, sich mit einer kleinen inneren Bewegung dem gegenwärtigen Augenblick zuzuwenden. Im Zusammensein mit Kindern geht das am einfachsten, wenn wir zulassen, einmal kein Ziel mit ihnen zu verfolgen, keinen Plan zu haben, nichts anzuleiten, offen und neugierig zu sein und uns auf das einzulassen, was entsteht.

Aus dieser Haltung heraus ergeben sich zahllose Möglichkeiten, die Qualität des Augenblicks zu erfahren.

Das können wir tun:

    einfach bei einem Baby sitzen und beobachten, was sich von Moment zu Moment ergibt

    ziellos durch die Straßen spazieren, uns von einem Kind führen lassen und schauen, was uns dabei begegnet

    etwas sammeln und Neues daraus entstehen zu lassen, ohne Zielvorgabe, ohne Bewertung

    Wolken, Schatten, Regentropfen, Wind und Wellen beobachten

    zusammen kochen und backen – und sich vom Ergebnis überraschen lassen

    Kräuter sammeln, ein Beet anlegen, Blumen pflücken, Ameisen beobachten, eine Katze streicheln

    Ritzen und Lücken suchen und etwas hineinstecken

    eine kleine Melodie entstehen lassen

    tanzen, klettern, barfuß gehen, balancieren

    Geschichten erfinden, in Rollen schlüpfen, Tiere nachahmen, sich verstecken, Höhlen bauen

    etwas von Herzen schenken – uns selbst oder anderen

    Gespräche führen, ohne etwas zu wollen: keine Anweisungen, keine bohrenden Fragen, kein „hast du schon…?“ und auch kein „musst du nicht noch…?“

Wie und worüber also sprechen wir mit unseren Kindern, wenn wir uns einmal ganz auf den Augenblick konzentrieren?

Eine große Unterstützung für unseren Alltag kann es sein, wenn wir uns auch unabhängig von den Kindern immer wieder daran erinnern, den Augenblick wahrzunehmen und ihn zu einer Quelle der Zeit werden zu lassen. Denn es gibt keinen Augenblick, der nicht ganz uns selbst gehört – auch und gerade dann, wenn wir an der Supermarktkasse anstehen, einem Kind die Schuhe zubinden, zur Bushaltestelle rennen oder den Esstisch abräumen –, in allem liegt von Moment zu Moment unsere eigene Zeit, unteilbar und untrennbar von uns. Indem wir so im gegenwärtigen Augenblick ankommen, kommen wir auch in Kontakt mit uns selbst, wir vergewissern uns auf eine Weise unserer eigenen Mitte und aus dieser Mitte heraus unserer Fähigkeit, uns immer neu nach außen zu verbinden: mit einem Kind, einer Blume, mit dem Geschmack eines Apfels und manchmal sogar mit Terminen, Einkaufslisten und dem vollen Wäschekorb in diesem einzigartigen und unwiederbringlichen Augenblick!

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Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag / Julia Grösch

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe: Heft Juli 2014

Julia Grösch ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und lebt mit ihrer Familie in Darmstadt. Dort leitet sie einen „Mit Kindern wachsen – Entdeckungsraum“.

Bildquelle:
1. Lausbuben 1 – Foto: Alexandra H. / pixelio.de

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