Gelassenheit kultivieren

Ist es wirklich dringend?

Blumenwiese

Sein-Lassen und Loslassen – Erkennen, was wirklich wichtig und richtig ist – das fällt uns doch eher schwer in den Wirren des Alltags, des Lebens überhaupt. Mit Achtsamkeit und Einsicht (Vipassana, „Klare Sicht„) kann es uns gelingen, Gelassenheit zu kultivieren.

    In der Meditation begegnen wir dem göttlichen Urgrund, wir kommen der Mitte des Lebens ein Stück näher. Und wir üben das Loslassen und die Gelassenheit, alle Unruhe in uns kommt zu Ende.“ – Aus dem Dhammapada

Gelassenheit bedeutet keineswegs Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung gegenüber Menschen, Objekten und Aufgaben, die uns ärgern, nerven, nicht in den Kram passen. Gelassen-Sein und Gelassenheit ermöglicht uns, Abstand zu halten, uns nicht mit Gefühlen und Gedanken zu identifizieren und in ihnen zu verfangen.

Rick Hanson und Richard Mendius - Das Gehirn eines Buddha

Also sind wir ab sofort gelassen, damit der Alltag, das Leben überhaupt einfacher und besser wird? …

Naja, das Erkennen, dass es oft nicht gut läuft, wir nicht wirklich bei uns sind, keine Zeit und Muße haben – das wäre schon mal der erste Schritt. Um dann mit der Zeit immer klarer sehen zu können, was wir nicht wirklich brauchen oder tun müssen, was uns unnötig belastet.

Dr. Rick Hanson, Neuropsychologe und Autor des Buches „Das Gehirn eines Buddha“ zeigt uns im nachfolgenden Beitrag, wie wir Gelassenheit kultivieren können.

Wie wir äußeren und inneren Druck verringern können

Heutzutage kommen die Dinge mit solch einer Dringlichkeit und solch einem Anspruch auf uns zu. Das Telefon klingelt, SMS und E-Mails häufen sich, wir müssen ständig mit neuen Bällen jonglieren, die Arbeitstage werden länger und gehen bis in den Abend und über das Wochenende, der Verkehr wird immer dichter, finanzielle Forderungen fühlen sich an, wie ein Messer an der Kehle, Werbung und Nachrichten suchen unsere Aufmerksamkeit – Druck, Druck, Druck, DRUCK.

Zu diesem äußeren Druck kommt auch noch innerer Druck. Dazu gehören all die inneren Stimmen, die sagen, „Du sollst“ oder „Du musst“. Wie zum Beispiel: „Ich muss heute damit fertig werden oder mein Chef wird wütend auf mich.“ Oder: „Ich darf mir keine Blöße geben.“ Oder: „Ich darf das Haus nicht verlassen, wenn dreckiges Geschirr herumsteht.

Eine Unterpersönlichkeit übt Druck auf uns aus und drängt uns dazu, besser zu sein, die Dinge besser zu machen und mehr zu besitzen. Strenge, oft unfaire Selbstkritik schwingt die Peitsche, um uns in Bewegung zu halten, damit wir ihren Schlag nicht spüren. Zudem bilden wir – oft unbewusst – engstirnige Ideen darüber, was wir brauchen, um erfolgreich zu sein, gut auszusehen, das richtige Auto zu fahren etc. Und wir entwickeln genauso enge Vorstellungen über das Leben anderer (zum Beispiel wie die eigenen Kinder in der Schule sein müssen oder wie das Land regiert werden soll).

Wir müssen uns nicht im Wollen und Begehren verfangen

Ob der Druck von innen oder von außen kommt, er aktiviert alte Motivationskreisläufe, die den Neurotransmitter Dopamin nutzen. Kurz gesagt, misst das Dopamin die erreichten Resultate (zum Beispiel die geschriebenen E-Mails, die erreichten Verkaufsziele). Wenn das Resultat wirklich eintritt, vermehrt sich das Dopamin, wodurch wir uns erleichtert fühlen, während andere Neurotransmittersysteme, wie die natürlichen Opioide uns ein angenehmes Gefühl geben.

Aber hier kommt der Haken: Auf dem Weg zu dem gewünschten Ziel sinkt die Dopaminmenge etwas, was zu einem unangenehmen Gefühl von Stress, Unwohlsein, Anstrengung und Druck führt … und wenn wir auf Verzögerungen oder Hindernisse stoßen oder einfach einen vollen Misserfolg landen, dann stürzt das Dopamin ab, was sich wie Enttäuschung, Frustration oder sogar Verzweiflung anfühlt. Um den Schmerz des abstürzenden Dopamins zu vermeiden, verfolgen wir angestrengt unsere Ziele und verfangen uns im Wollen und Begehren.

Das Dopaminsystem – und damit verbundene, aber evolutionär neuere und weiter entwickelte Emotionen und Gedanken, die darüber gelagert sind – war sehr effektiv für das Überleben unserer Vorfahren. Und auch heute funktioniert es gut, um uns in Notsituationen oder notwendigen Marathons zu motivieren, sei es der College-Abschluss oder das unablässige Eintreten für einen geliebten Menschen in einer schwierigen Situation.

Zeit, den Druck zu verringern

Aber selbst, wenn es gut läuft, gibt es bei der Motivation durch Bedürfnisse, Notsituationen und Druck einen Kollateralschaden. Es verengt unseren Fokus auf ein bestimmtes Ziel im Fadenkreuz des Tunnelblicks. Es fühlt sich angespannt, verengt und unangenehm an – und meist löst es das Stress-Reaktionssystem aus, dessen chronische Aktivierung viele negative längerfristige Konsequenzen für die Gesundheit und das Wohlbefinden hat. Viele Ziele sind einfach nicht erreichbar – deshalb fühlen wir uns schlecht, wenn wir darauf fixiert sind, sie zu erreichen – und selbst wenn wir das gewünschte Ergebnis erreichen, sind die Belohnungen kleiner, als wir uns erhofft hatten. Und in jedem Fall verschwinden sie schließlich wieder aus unserem Gewahrsein, wie Sand, der durch die Finger des Bewusstseins rinnt.

Und das Schlimmste ist: Innerer und äußerer Druck treiben uns dazu, Ziele und Wünsche zu verfolgen, die schlecht für uns und andere sind. Und dann sind wir hier gelandet: Wir versuchen, unrealistischen Standards gerecht zu werden, vergleichen uns mit anderen, fühlen uns minderwertig, bringen die Work-Life-Balance durcheinander, suchen an den falschen Orten nach Liebe, sind streng mit uns selbst und anderen, sind immer an der Grenze unserer Möglichkeiten, und früher oder später sind wir ausgebrannt.

Puh. Das reicht. Es ist Zeit, den Druck zu verringern!

Ich gebe im Folgenden einige Anregungen, wie du den Druck verringern kannst. Suche dir einfach eine oder zwei aus, die dich ansprechen und mach dir keinen Druck, den Druck zu verringern!

    Erinnere dich selbst daran, dass du kompetent, würdevoll und erfolgreich handeln kannst, wenn es kein Gefühl des Drucks gibt. Du kannst dich heilsamen Zielen widmen und du kannst sie mit Entschlossenheit und Begeisterung verfolgen, sodass du deinem Nordstern treu bleiben kannst, ohne vom Weg abzukommen oder dich unter Stress zu setzen. Du kannst umsichtig sein, andere lieben, dich in deiner gewählten Arbeit verbessern und unserem Planeten helfen, ohne ständig das Gefühl zu haben, dass du eine Peitsche im Rücken hast.

    Wenn Dinge auf dich zukommen – Telefonate, Anfragen von anderen, fieberhafte Hektik – versuche einen Puffer zwischen dir und ihnen zu finden, eine Art Schockauffänger, so als würdest du sie durch ein umgedrehtes Teleskop sehen. Verlangsame die Dinge ein bisschen, einen Atemzug oder einen Tag lang. Gib dir das Geschenk der Zeit – Zeit, um herauszufinden, ob es wirklich Priorität hat, und wann es wirklich getan werden muss.

    Höre auf deinen Körper. Spürst du ein drückendes, enges oder getriebenes Gefühl? Hör auf dein Herz, so als wäre es ein weises, gutes Wesen, das dich liebt: Was sagt es?

    Achte auf das Flüstern – oder Schreien – des „Sollens“ und „Müssens“ in deinem Verstand. Ist es wirklich wahr? Und bist es wirklich du, und nicht nur verinnerlichte Eltern oder eine andere Autoritätsperson? Was würde geschehen, wenn du ein Telefonat weniger machen würdest, einen Schritt langsamer treten würdest oder jeden Tag eine Sache weniger erledigen könntest? Lass es wirklich in dich einsinken, dass es keine Katastrophe wäre. Wahrscheinlich würde es niemand außer dir bemerken!

    Geh lockerer mit dir selbst um. Lege deine Standards vielleicht nur ein kleines bisschen niedriger an – wenn du nicht gerade eine Gehirnoperation oder etwas Ähnliches machst. Du kannst es wahrscheinlich ruhig etwas lockerer angehen.

    Sei realistisch in Bezug darauf, wie lang die Dinge wirklich brauchen und wie oft dir etwas dazwischen kommen kann. Gehe keine Verpflichtungen ein, die du nur schwer erfüllen kannst; unterschreibe keine Schecks, die du nicht begleichen kannst.

    Erinnere dich daran, dass du eine grundlegende Gutheit besitzt. Selbst wenn du den Druck verringerst und einige Dinge langsamer erledigst oder gar nicht tust, bist du immer noch ein guter Mensch.

    Komme immer wieder zu diesem Moment zurück – in dem die Dinge wahrscheinlich im Grunde immer in Ordnung sind. Sie sind nicht vollkommen, aber denke über die Lehre des dritten Patriarchen des Zen nach, der sagte, dass Erleuchtung (neben anderen Dingen) bedeutet, dass man keine Angst vor der Unvollkommenheit hat. In diesem Augenblick bist du wahrscheinlich schon sicher genug, ausreichend genährt und wirst geliebt.

    Du kannst den Druck verringern.

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Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Lower the pressure veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

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