Gesichter empfangen

Wertvolle Gesichtsausdrücke – Nutze deine Gabe, empfange Gesichter

Rick Hanson - Denken wie ein Buddha

Als sich unsere Vorfahren über Millionen von Jahren in kleinen Gruppen entwickelten und zunehmend miteinander interagierten und zusammenarbeiteten, war es lebenswichtig, dass sie jeden Tag auf viele Weisen miteinander kommunizierten.

Sie teilten Informationen über äußere „Karotten“ und „Stöcke“ und über ihre innere Erfahrung (zum Beispiel Absichten, sexuelles Interesse, Neigung zur Aggression) durch Gesten, Laute und ihren Gesichtsausdruck.

So wie wir eine einzigartig komplexe Sprache entwickelt haben, so haben wir auch das ausdrucksstärkste Gesicht im ganzen Tierreich entwickelt.

Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson

Unser Gesicht ist in herausragender Weise zu einer großen Spannbreite von Gesichtsausdrücken fähig. Es kann Angst zeigen, Signale der Gefahr senden, das Interesse anderer auf sich ziehen, um auf eine Möglichkeit hinzuweisen oder Zuneigung und Freundlichkeit zeigen, um Nähe zu anderen zu vergrößern und das „Wir“-Gefühl zu verstärken.

Zu diesen Gesichtsausdrücken gehören sowohl die Anzeichen für sechs scheinbar universelle Emotionen (Glück, Überraschung, Angst, Traurigkeit, Wut und Abneigung), als auch bestimmte kulturelle und persönliche Ausdrucksformen. Ich kenne zum Beispiel diesen ganz besonderen Blick, der über das Gesicht meiner Frau zieht, wenn sie denkt, ich bin wieder zu sehr mit mir selbst beschäftigt!

Wir sind Sender und Empfänger zugleich

Natürlich ist es nicht sinnvoll, dass wir nur einen außerordentlichen Sender – das Gesicht – entwickeln, wenn wir nicht auch einen außergewöhnlichen Empfänger entwickeln: unsere beeindruckenden Fähigkeiten, die Geisteszustände anderer aus den subtilen und flüchtigen Gesichtsausdrücken zu erkennen, zu spüren und abzuleiten. Das führt uns zu folgender Frage: Wie oft und wie gut nutzen wir diesen großartigen Empfänger?

Wenn wir eine geschäftige Straße entlanglaufen, im Fahrstuhl stehen oder beim Imbiss in der Schlange warten, sehen wir uns die Gesichter der Menschen um uns herum meistens nicht an. Und wenn wir es tun, dann nur kurz und ohne wirklich hinzuschauen. Oder wir gewöhnen uns an die Gesichter, die wir zu Hause oder bei der Arbeit jeden Tag sehen, und schauen nicht mehr hin, oder bilden uns Vorstellungen über sie – oder finden das, was wir sehen, unangenehm, wie z.B. Wut, Traurigkeit oder Gleichgültigkeit. Durch das Fernsehen und andere Medien werden wir mit so vielen Gesichtern aus der ganzen Welt bombardiert, da geschieht es leicht, dass wir davon überflutet werden und mehr und mehr abstumpfen und unaufmerksam werden.

Erfahre dich als Teil eines „Wir

Aber so natürlich, wie das sein mag, du bezahlst einen Preis dafür. Du verpasst wichtige Informationen über die Anliegen anderer und ihre roten Knöpfe, wahren Ziele, ihre Angst und Gereiztheit oder ihre guten Absichten dir gegenüber. Du verpasst Gelegenheiten für Nähe und Kooperation und erfährst erst zu spät von möglichen Problemen, einschließlich Missverständnissen, Aufregungen, Ja sagen aber Nein meinen oder einfach Langeweile bei dem, was du sagst.

Allgemeiner gesprochen, verpasst du die Möglichkeit, dich verbunden und als Teil eines „Wir“ zu erfahren, was für das Wohlergehen, den Umgang mit Stress und die Regulierung negativer Emotionen und die Anpassung an das Leben in der langen Geschichte dieses Planeten so wichtig gewesen ist. Wenn du nicht auf die Gesichter der anderen eingestellt bist, dann kannst du ihnen auch nicht die zutiefst wichtige Erfahrung geben, dass sie erkannt, gesehen und verstanden werden – was abgesehen davon, dass es nicht freundlich ist, auch zu dir als Verletzung zurückkommen kann. Und im weitesten Sinne ist das Empfangen der Gesichter von anderen Menschen aus der ganzen Welt ein wichtiger Schritt, um das Gewebe der Menschheit enger miteinander zu verweben, und dabei die alten Fäden zu nutzen, die uns in der Serengeti zu Freunden und Familien verbunden haben.

Aus all diesen Gründen versuche, dich den Gesichtern anderer Menschen zu öffnen und sie zu empfangen.

Sieh die Menschen an, denen du auf dem Gehweg, im Einkaufszentrum, im Restaurant oder sonst wo begegnest und die du nicht kennst. Versuch das auch bei Menschen, mit denen du interagierst, wobei es natürlich ist, Augenkontakt zu haben. Experimentiere auch damit, dich an die Gesichter von wichtigen Menschen aus deiner Vergangenheit zu erinnern oder sie dir vorzustellen – oder sie in Fotos oder Videos zu sehen.

Schaue hin – erstaunt und erfreut von ihrer Schönheit

    Starre nicht und sei nicht aufdringlich. Schaue mit Respekt.

    Nimm dir einige Sekunden Zeit, um über die oberflächlichen Merkmale hinauszugehen: Jung oder alt? Mann oder Frau? Ernst oder freundlich? Hübsch oder nicht? Egal, nimm mehr von dem Menschen auf! Lass ihn oder sie als einen einzigartigen Menschen in deine Aufmerksamkeit kommen, mit bestimmten Eigenschaften, wie z.B. Müdigkeit, Humor, Stärke, Reste von Wut, Freundlichkeit, Frechheit, Hoffnung, nach Angenehmem im Leben suchen etc.

    Achte besonders auf die Bereiche um die Augen und den Mund. Das sind die wichtigen Regionen für soziale Signale in unserem Gesicht.

    Gib dir selbst die Möglichkeit, diesen Menschen nicht zu kennen – besonders bei Menschen, die dir bekannt sind. Es ist ok, wenn du dem, was du siehst, einen Namen gibst – „Stress“ … „Freundlichkeit“ … „Entschlossenheit“ … – oder etwas darüber nachdenkst, aber vor allem solltest du wie ein Kind sein, dass zum ersten Mal die Gesichter der Menschen sieht, erstaunt und erfreut von ihrer Schönheit.

    Erlaube dir das Gefühl, den anderen Menschen zu empfangen, an dich heranzulassen und in tieferer Weise als sonst zu erkennen. Und wenn das geschieht, lass dich von dieser Erfahrung bewegen.

Lass dich einfach stimulieren

Wenn du so schaust, achte auf Schwierigkeiten dabei, die Gesichter wirklich zu empfangen, denn das erfordert, dass du dich anderen öffnest. Es könnte sich zum Beispiel etwas überwältigend anfühlen, denn ein Gesicht ist so ein intensiver Stimulus für den Menschen als zutiefst soziale Spezies.

Es könnten schmerzhafte Sehnsüchte oder mehr Nähe angeregt werden. Hilf dir selbst, indem du Gesichter in kleinen Dosen empfängst und indem du „hier“ in dir selbst zentriert bleibst, während du weißt, dass das Gesicht „dort“ ist.

Öffne dich auch jeder positiven Erfahrung – wie Mitgefühl, Freundlichkeit, Demut, Verbundenheit oder sogar Liebe –, die durch das Empfangen von Gesichtern stimuliert werden können. Genieße sie und nimm sie in dich auf. Sie sind wunderbar – und ein grundlegender, wichtiger und liebevoller Teil deiner Gabe als Mensch.

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Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Receive faces veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Vergangenes Jahr erschien Rick Hansons neue Hörbuch-CD Das gelassene Gehirn eines Buddha. Es ist ein Stress-Schutz-Programm für unser Gehirn und kann uns helfen, uns von Gereiztheit, Sorgen und Überforderung zu befreien.

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