Philosophie der Medizin

Was es bedeutet, gesund zu sein

Klaus Michael Meyer-Abich

In der Sendereihe tele akademie des SWR Fernsehen wurde heute ein Vortrag aus 2008 von Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich wiederholt mit dem Titel „An den Grenzen der naturwissenschaftlichen Medizin – Trägt unser Gesundheitswesen seinen Namen zu Recht?

Im Vortrag geht Prof. Dr. Klaus Michael Meyer- Abich unter anderem darauf ein, wie aus der Medizin eine Naturwissenschaft zum überwiegenden Erwerbszweck wurde – wie aus kranken Menschen Objekte einer Krankheit wurden, unter Vermeidung von Nähe durch verschiedene Hilfsmittel der Diagnostik (Röntgen, Ultraschall).

Medikalisierung unseres Lebens

Neben zweifellos nutzbringenden Errungenschaften der Medizin zur Behandlung schwerer und akuter Erkrankungen wie Herzinfarkten, Schlaganfällen, bestimmter Tumorerkrankungen und Unfallfolgen sowie zur Erhaltung von Organen und Funktionen des Stoffwechsels wie Diabetes bemängelt der Physiker und Naturphilosoph Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich unter anderem die leichtfertige Medikation der Bevölkerung. Und zwar ohne dass es wirklich wissenschaftliche Nachweise dafür gibt, dass beispielsweise Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren oder Cholesterinsenker zur Gesundung beitragen.

Mediziner und Gesundheitsberater

Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich sah schon 2008 in seinem Vortrag in der Evangelischen Akademie Bad Boll das Ende des goldenen Zeitalters der rein monetarisierten Medizin. Inzwischen ist klar, dass das bisherige kranke „Gesundheitssystem“ in den letzten Zügen des Kostendrucks liegt und ein relativ heftiges Umdenken erfordert. Umso heftiger, je länger noch daran geschraubt und festgehalten werden will. Einerseits plädierte Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich in seinem Vortrag für einen Umbau des Medizinsystems von innen heraus durch die Erhaltung der Gesundheit und erst nachgehend durch Behandlung von Erkrankungen. Dabei seien jedoch auch die Patienten gefordert, die nicht länger erwarten dürfen sollten, dass der Mediziner ihre ungesunde Lebensweise „in Ordnung“ bringt. Mediziner sollten also eher als Gesundheitsberater und damit präventiv wirken. Und das sollten auch Krankenkassen entsprechend honorieren.

Auf der anderen Seite beschrieb Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich in seinem Vortrag, dass bereits der deutsche Arzt Rudolf Virchow durch Erlebnisse einer Typhus-Epidemie in Oberschlesien zu dem Schluss kam, dass es die Lebensbedingungen der Menschen sind, die Krankheiten entstehen lassen. Und so seien Gesundheit und Krankheit eben nicht nur medizinische Aufgaben. Zum einen sei die Sterblichkeit durch Herzerkrankungen und Infektionskrankheiten aufgrund besserer Ernährung und allgemein besserer Lebensbedingungen (insbesondere Hygiene, sauberes Trinkwasser) zurück gegangen. – Auf der anderen Seite bestünde ein Zusammenhang mit sozial-psychologischen Komponenten eines Menschenlebens wie soziale Anerkennung, Bildungsniveau, Freude an einer Tätigkeit, friedvolles Miteinander. Diese werden nicht zuletzt von außen beeinflusst durch das Bildungssystem einer Gesellschaft und durch deren Schwerpunkte in der Sozialpolitik, die ausgrenzen oder aber die Menschen einbinden kann. So würde eine durchdachte Verschiebung finanzieller Mittel vom Gesundheitssektor in die Bereich Bildung und Soziales voraussichtlich der allgemeinen Gesundheit gut tun.

Eine schnelle Lösung für das kranke Gesundheitssystem sah Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich in seinem Vortrag nicht, vielmehr ging er davon aus, dass es „Jahrzehnte“ brauchen würde, bis das bereits vorhandene Umdenken wirklich auch umgesetzt werden wird. In seinem Buch Was es bedeutet, gesund zu sein – Philosophie in der Medizin hat er zwei Jahre später vieles aus seinem Vortrag aufgegriffen und plädiert für eine menschliche und bezahlbare Medizin.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Literatur Tipps mit den Schlagworten , , , , , , , , , . Speichern des Permalink. Folgen von Kommentaren mit dem RSS feed für diesen Beitrag. Einen Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlassen: Trackback URL.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.