Proviant für den Weg

Wenn uns das Glück umarmt – Nahrung für unser Herz

Ayya Khema - Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind

Wenn wir unseren Körper gesund und bewusst ernähren wollen, soll unsere Nahrung biolo- gisch, ökologisch und nachhaltig produziert sein. – Wie aber sieht es mit der Nahrung für unseren Geist aus? – Was lassen wir oft ungefiltert zur Unterhaltung und „um Spass zu haben“ in ihn einsickern?

Die geistige Nahrung können wir ebenso mitbestimmen wie die Nahrung für unseren Körper. Und wenn wir ehrlich sind, erkennen wir, dass wir trotz aller guten Vorsätze nicht immer gute Nahrung für Körper und Geist zu uns nehmen. Wir denken und handeln eher instinktiv, nach dem Lustprinzip. Danach, was uns am besten jetzt und sofort Spass macht oder Ablehnung hervorruft. Worin unsere Motivation dafür begründet liegt, ob es wirklich unserem Glück dient, überprüfen und reflektieren wir nur selten.

Der Alltag im Geplapper von Banalitäten

So füttern wir unseren Geist täglich mit fast food und junk food, mit unheilsamen, zumindest aber sinnentleerten Gedanken in Bezug auf unser Dasein. Schon morgens zum Aufstehen plärrt uns das Radio Musik und Nachrichten vor, auf der Arbeit plappern wir mit anderen über Banalitäten und gerne über andere Menschen. Nach der Arbeit erscheint uns wichtig, ob Königs sich scheiden lassen oder irgendwelche Prominente wieder einen Skandal produziert haben. Im Extremfall erinnert uns den ganzen Tag ein Smartphone an diese unwichtigen und unsäglichen News. Unser Geist ist ständig abgelenkt und erfreut sich scheinbar an Sinnlosem. Oberflächlich betrachtet soll uns das Spass machen – und manchmal glauben wir das auch, können uns nur schwer entziehen.

Spass ist flüchtiges Glücksgefühl

Spass ist Spass, schnell erlebt und schnell wieder vergangen. Spass wollen wir so immer und immer wieder haben, was unser Leben doch oft recht stressig erscheinen lässt. Spass oder Ablehnung sind auch immer wieder die Bestätigung für unser Ego und sollen uns irgendwie dem Glück näher bringen. Manchmal verwechseln wir Spass auch mit Freude oder Glück.

Was wir im realen alltäglichen Leben als Glücksgefühl kennen, beruht auf unseren Sinneskontakten Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Körperberührung sowie dem Denken und ist von diesen abhängig. Wir sind ständig auf der Suche und bekommen dieses flüchtige Glück mehr oder weniger häufig. Diese Art von Glück ist in unserer Konsumgesellschaft oft käuflich, allerdings auch energie- und zeitraubend. Im Denken versuchen wir durch Hoffnung und Phantasie, durch Bestätigung von Illusionen glücklich zu sein, glücklich zu werden. Der Buddha bezeichnete diese Augenblicksvergnügen als gröbste Möglichkeit des Glücklichseins.

Der Geschmack von innerem Frieden

Tief empfundenes Glück bedeutet und bedingt inneren Frieden und passiert auf einer anderen Ebene unseres Bewusstseins als ein anhaltender Zustand des Seins. Mehr oder weniger bewusst hat wohl jeder Mensch schon einmal einen Geschmack hiervon erhalten. Wer sich bewusst auf einen spirituellen Weg begibt, weiß wenigstens um die Bedingungen, Glück, inneren Frieden und innere Freude erleben zu können.

Der historische Buddha Shakyamuni hat uns in seiner Lehre erklärt, wie man glücklich wird, und dass es selbstverständlich ist, dass Menschen glücklich sein wollen. Der Buddha hat uns auch deutlich erklärt, was wir falsch machen, weshalb wir leiden und weshalb wir nicht dauerhaft glücklich sind. – Die buddhistische Nonne Ayya Khema hat es 1991 in einem Vortrag zeitgemäß und klar ausgedrückt:

    Wenn wir unser Leben damit verschwenden, um am Leben zu bleiben und angenehme Sinneskontakte zu haben, ist dies ein Verlust eines wertvollen Menschenlebens, und unsere Zeit ist unnütz verbracht.“ – (Ayya Khema – „Um was geht’s denn eigentlich?„)

Geistesentwicklung und Herzensentfaltung

Um den Weg zum Glück, einen spirituellen Pfad zu gehen, müssen wir nicht mit kahlem Kopf auf einem Kissen sitzen und ständig in Meditation versinken, die Außenwelt völlig ignorieren. Wir können überlegen und zum Schluss kommen, dass das Mensch-Sein derart wertvoll ist, um uns darauf zu konzentrieren, auf höhere Ebenen des Glücks zu gelangen.

Die jedem Menschen innewohnende Sehnsucht nach Geistesentwicklung und Herzensentfaltung erinnert uns mehr oder weniger jeden Tag daran, dass das Leben mehr für uns bereithält als schnelle Befriedigungen unserer flüchtigen Sinneskontakte. Diese Sehnsucht können wir nicht wirklich klar in Worte fassen, sondern nur beschreibend erklären. Diese Sehnsucht ist die Verheissung von Glück, Freude, Frieden und Freiheit und so der Überwindung des allgegenwärtigen Leidens durch Körperschmerzen, Trauer, Begierde, Anhaften und Verzweiflung.

Spirituelles Leiden

Wenn wir uns der Sehnsucht gewahr werden, dieser Sehnsucht nachgehen und das Leiden überwinden wollen, haben wir die Möglichkeit, den spirituellen Weg zu gehen. Dafür braucht es unser Vertrauen und unsere Hingabe, denn leicht und locker geht sich dieser Weg keinesfalls. Der spirituelle Weg bringt ebenfalls Leiden mit sich, das dem alltäglichen Leiden ähnelt. Wir sehen einigermaßen das Ziel, tief empfundenes Glück und inneren Frieden – und sehen uns doch noch derart weit davon entfernt. Wir kennen vielleicht Menschen, die es bereits erreicht haben, Frieden, Weisheit und Ruhe zu verwirklichen. Diese Sehnsucht kann durchaus spirituelles Leiden bewirken.

Der Buddha war ein weiser Lehrer und wusste um die Schwierigkeiten der Menschen, ihrer spirituellen Sehnsucht nachzugehen, Glück, inneren Frieden, innere Freude und Freiheit zu verwirklichen. Der Buddha hat mit seiner gut 84.000 Reden umfassenden Lehre eine systematische „Schritt-für-Schritt-Anleitung“ zur Verwirklichung gegeben und hinterlassen.

Wegzehrung für den Pfad

Mithilfe der Anleitung, der Lehre (Dhamma) des Buddha kann die spirituelle Freude Schritt für Schritt und Stufe um Stufe in der Praxis der Meditation kultiviert werden. So wird das Vertrauen in den Pfad und die Hingabe zum Dhamma gestärkt.

Für jeden Weg, den wir in unserem Dasein zurücklegen, benötigen wir Wegzehrung, Proviant. Unser Körper braucht ebenso Wasser und Nahrung wie unser Geist gewisse Bedingungen als Nahrung benötigt, um uns in bestimmter Art und Weise dienen zu können.

Auf dem spirituellen Weg benötigen wir gewisse Bedingungen, die es uns leichter machen, nicht vom Weg abzukommen oder stehen zu bleiben. Zur Wegzehrung gehört so unter anderen die spirituelle Freundschaft, sogenannte edle Freunde, mit denen wir noble Unterhaltung führen. Menschen, die ebenfalls den spirituellen Weg gehen, ob als Laien oder Dhamma-Lehrerinnen, Dhamma-Lehrer. Der Austausch mit diesen noblen Freunden, mit Worten oder ohne Worte, bestärkt uns gegenseitig. – Der Buddha hat gelehrt, dass edle Freundschaftdas ganze spirituelle Leben“ sei.

Vertrauen, Hingabe und Dankbarkeit

Weitere Wegzehrung können wir auch selbst in uns erzeugen, durch erste Erfahrungen und das Erleben in der Meditation. Dies können Vertrauen und Hingabe zur und Dankbarkeit für die Lehre des Buddha sein. Aber auch ganz real an Menschen gerichtete Dankbarkeit dafür, dass unsere Eltern uns die erste Zeit dieses Daseins begleitet haben, dass wir andere Menschen lieben durften. Dankbarkeit für die Lehrerinnen und Lehrer in unserer Schulzeit, Dankbarkeit für Freundinnen und Freunde, die sich mit uns gefreut, die mit uns gelitten haben. Diese Dankbarkeit entspringt der Erkenntnis, dass wir Menschen mit allem Lebendigen verbunden sind und ist vielleicht eine (erste) tiefe spirituelle Erkenntnis, die zur Kultivierung unserer inneren Freude beitragen kann.

Der Geschmack von pîti

Diese innere Freude, diese wahre Freude (Pali: pîti) beglückt unseren Geist und zeigt ihm, dass es weitaus mehr gibt, als die flüchtigen Sinneskontakte, mit denen er es üblicher Weise zu tun hat. Wir bringen damit eine Frische in unseren Geist und motivieren ihn und uns, in andere Sphären unseres Bewusstseins gelangen zu können.

Das Erleben des Geschmackes von pîti ist die Wegzehrung, der Proviant, um weiter zu gehen. Wir wollen wissen, wo diese Freude herkommt, wodurch sie entsteht, wie wir sie fördern können. Um dies zu erleben und zu erfahren, werden wir kaum stehenbleiben, sondern die heilsamen Bedingungen erkennen wollen. Damit verlassen wir die – nach der Lehre des Buddha – erste Ebene des Glücklichseins.

Heilsame Geisteszustände kultivieren

Wenn uns das Glück umarmt, dieser oftmals nur Sekunden währende Zustand der Losgelöstheit, kommen Gedanken und Gefühle der Mitfreude, des Mitgefühls, der Großzügigkeit und des Wohlwollens auf. Dies sind die heilsamen Geisteszustände unseres Daseins, die auch jeder Mensch sicher schon erlebt und erfahren hat. Zum Beispiel in der Verliebtheit, wenn wir am liebsten „die ganze Welt umarmen“ möchten. – Die Crux daran ist, auch das kennt wohl jeder Mensch, dass wir dieses Gefühl dann gerne festhalten wollen, und dass es uns dann oft ebenso schnell entgleitet, wie es gekommen ist.

Um auf dem spirituellen Weg gehen zu können, müssen wir unseren Geist daran gewöhnen, dass es nichts gibt, das wir festhalten können. Stattdessen besteht die weitere Wegzehrung aus dem Wirken in Zufriedenheit, mit liebevoller Hinwendung, ohne daran irgendwelche Erwartungen zu knüpfen, ohne Resultate erzielen zu wollen.

Unser Geist als Gewohnheitstier

Wir erfahren auf dem spirituellen Weg, dass unser Geist gar nicht so festgefahren ist, wie wir vielleicht vorher geglaubt hatten. Allerdings ist der Geist auch ein Gewohnheitstier. Von Neuem durchaus inspiriert, fällt er noch viel lieber in die gewohnten Bahnen zurück. So ist der spirituelle Weg auch mit Hochs und Tiefs versehen, wie wir sie im realen Leben kennen. Durch Übung in der Meditation, der Achtsamkeit und des Alleinseins lässt sich der Geist jedoch ausrichten.

Wählen wir die Nahrung für unseren Geist gut aus, ersetzen unheilsame mit heilsamen Gedanken, wird diese Nahrung auch die Weite unseres Herzens und damit unsere Lebensqualität in Richtung Frieden und innerer Freude beeinflussen. Wenn es uns gelingt, den Geist in die Gegenwart zu führen, werden wir uns und die Menschen um uns herum achtsam wahrnehmen und rücksichtsvoll handeln. Im gegenwärtigen Moment liegt immer alles an Glück und Frieden und Freiheit unseres Daseins.

Übung zur Achtsamkeit

Wenn wir im Alltag mal scheinbar richtig verdreht und verstrickt sind, unser Geist uns fortwährend Dinge aus der Vergangenheit und Zukunft erzählen will, ist es sehr hilfreich, einen ruhigen Ort in der Natur aufzusuchen und auf und ab zu gehen. Damit können wir der Tendenz unseres Geistes, immer gerne nach unten zu ziehen, entgegenwirken. Das Auf- und Abgehen einer bestimmten Strecke, ohne Ziel, mit der Konzentration auf unseren Atem und jeden Schritt, wird unseren Geist beruhigen und uns mit zunehmender Freude im gegenwärtigen Moment sein lassen. Eine sehr effektive Übung, die jedem Menschen, ob spirituell ausgerichtet oder nicht, aufzeigt, dass der Geist lenkbar ist.

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