Sein in reiner Wahrnehmung

Reine Wahrnehmung als Liebe und Weisheit

John Makransky - Erwachen durch Liebe

Vor gut zwei Jahren frug ich die Cellistin Lissy nach einem Konzertabend in Würzburg, was es bewirkt hätte, ihren schönen Beruf zu erlernen und auszuüben. Ich war auf alle möglichen Antworten vorbereitet, die auf solche Frage gesagt werden – aber Lissy ließ mich gleich staunen: „Die Liebe meiner Großmutter„.

Mein Staunen ließ nicht nach, als Lissy in der Zeit danach von ihrer Kindheit erzählte, die nicht eben auf diesen Lebensweg / Berufsweg hätte deuten können – von außen betrachtet würde man die Bedingungen und Umstände, unter denen Lissy aufwuchs, als „prekär“ bezeichnen.

Zuflucht und Anker für das kindliche Herz der kleinen Lissy war ihre Großmutter, mit der Lissy in die Welt der Musik eintauchen, wodurch sie Vertrauen, Freude und Liebe erfahren und erleben konnte. Lissy’s Großmutter starb kurz bevor Lissy schließlich ihr Studium an der Musikhochschule aufnahm. – Für Lissy ist „Omilein“ dennoch bei jeder Prüfung dabei gewesen und heute bei jedem Konzert präsent.

John Makransky – Sein wie wir wirklich sind

Vor kurzem bekam ich von Lissy ein Buch geschenkt, es war bereits mit einem Lesezeichen versehen, auf dem ich die Anmerkung las: „… so war Omilein für mich …“.

In dem Buch „Erwachen durch Liebe“ schreibt der Autor und Meditationslehrer Lama John Makransky unter anderem über Wahrnehmung und das reduzierende Denken unseres ichbezogenen Geistes. Und wie wir damit uns und anderen ständig Schwierigkeiten bereiten, nur damit sich unser vermeintliches Ego „besser anfühlt“, „besser dasteht“ – statt zu sein, wie wir in Wirklichkeit – in reiner Bewusstheit, jenseits des Denkens, jenseits von Vorstellungen und Konzepten – sind.

    Wenn dein Herz überwältigt ist von Mitgefühl,
    weil du das Leid der Menschen siehst,
    dass du Gänsehaut hast und Tränen unfreiwillig deine Wangen herunterlaufen,
    dann bist du in deinem natürlichen Zustand.
    Und wenn du so überwältigt bist von Hingabe,
    weil du die Schönheit aller fühlenden Wesen siehst,
    dass du Gänsehaut hast und die Tränen unfreiwillig deine Wangen herunterlaufen,
    dann bist du in deinem natürlichen Zustand.

    (Tulku Urgyen Rinpoche)

Keine Spiegel im Haus meiner Oma

John Makransky schreibt in dem von Lissy markierten Kapitel, wie bedingungslose Liebe auf einen anderen Menschen wirken kann – wie die Liebe der Großmutter zu Lissy. In dem Lied „Keine Spiegel im Haus meiner Oma“ (Komposition: Ysaye Barnwell *) geht es um die Erinnerung eines kleinen Mädchens. Sie lernt von ihrer Großmutter, sich selbst und die Welt in einem frischen, neuen Licht zu sehen:

    Da waren keine Spiegel im Haus meiner Oma …
    Und die Schönheit, die ich in allem sah,
    die Schönheit von allem
    war in ihren Augen.

    Daher wusste ich nie, dass meine Haut schwarz war,
    ich wusste nie, dass meine Nase zu platt war,
    ich wusste nie, dass meine Kleider nicht passten.
    Und ich wusste nie, dass es Dinge gab, die mir fehlten.
    Und die Schönheit von allem
    war in ihren Augen.

    Ich war fasziniert von den Rissen in den Wänden,
    der Staub sah in der Sonne wie fallender Schnee aus,
    der Lärm im Flur war Musik in meinen Ohren,
    Abfall und Müll waren Kissen für meine Füße.
    Und die Schönheit von allem
    war in ihren Augen.

* „No Mirrors in My Nana’s House„, Sweet Honey in the Rock. Still on the Journey. (Redway, CA: Earthbeat! Records, 1993)

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