Vergebung befreit

Alte Gefühle und verborgenen Groll ablegen

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Ein oft schwierig anmutender Weg ist der Prozess der Vergebung, weshalb er oft nicht gegangen wird. Sich selbst wie auch anderen zu vergeben beginnt mit dem Öffnen für und dem Fühlen von Schmerz und dem Anerkennen von Leid, was unser Ego oft vehement vermeiden will.

So bleiben wir jedoch mit alten Gefühlen und verborgenem Groll verhaftet und gelangen nicht ins Hier und Jetzt.

Jenseits des Denkens den Schmerz spüren

Mit Achtsamkeit, dem Sein im Hier und Jetzt, können wir Gefühle und Groll erkennen, unser Herz öffnen und den damit unvermeidlich auftauchenden Schmerz spüren und anerkennen – der erste Schritt im Prozess der Vergebung und jenseits des Denkens von „aber“, „ich will …“ oder „ich muss …“.

In der Meditation, mit der Ausrichtung auf Mitgefühl (metta, liebende Güte) zunächst für uns, dann auf Menschen, die wir lieben und mögen, verbinden wir uns mit unserer wahren Natur ohne Wollen, Sollen, Müssen und sehen, was ist. Um unser Mitgefühl dann auf jene Menschen auszurichten, denen wir neutral gegenüber stehen und schließlich auf jene Menschen, die uns verletzt, mit denen wir Probleme haben.

Perspektive und Vergänglichkeit

Aus der Perspektive des Beobachters werden wir mit der Übung der Einsichtsmeditation (Vipassana) und mit der Zeit erfahren und erkennen, dass der Schlüssel zur Vergebung vielleicht im Erkennen und Erleben der Vergänglichkeit aller Gefühle, Gedanken und Objekte unseres Geistes liegt. Wir können auch erkennen und erleben, dass jene Person, die uns verletzt hat, selbst ein leidender Mensch ist und Schwierigkeiten hat, in der Suche nach Glück ungeschickt ist, weil andere Menschen verletzt werden. Wir können uns bewusst werden, dass auch dieser Mensch viele Qualitäten besitzt, die wir bisher in unserer Verletztheit nicht wahrzunehmen vermochten. Und nicht zuletzt können wir unseren eigenen Anteil an den Bedingungen sehen, die sich schließlich in Verletzung manifestiert hatten.

Ohne fromme Wünsche das Ego überwinden

Der Prozess der Vergebung hat also nichts mit frommen Wünschen zu tun, sondern bedeutet disziplinierte Arbeit, das Ego zu überwinden, das Herz behutsam (wieder) zu öffnen, Schmerz zuzulassen, die Vergangenheit loszulassen – ohne Geschehenes zu ignorieren, nicht mehr zu benennen oder die Augen vor künftig sich unheilsam manifestierenden Bedingungen zu verschließen. Wer vergibt, löst die Fesseln von Schmerz und Leid und macht einen großen Schritt zur Leichtigkeit des Seins, zur Freiheit. Vergebung ist ein innerer Prozess, der gleichwohl im Außen wirkt, auch wenn wir dies der Person des Verletzenden nicht immer mitteilen werden, vielleicht den Kontakt – jedoch ohne alte Gefühle und verborgenen Groll – künftig vermeiden werden.

Nachfolgend schreibt Dr. Rick Hanson, dass Vergebung befreit und dass es so wichtig ist, alte Gefühle und verborgenen Groll abzulegen:

Vergebung hat mehrere Bedeutungen

Vergebung ist ein heikles Thema. Zum einen ist Vergebung, wenn wir nachtragende Gefühle und Wut aufgeben. Zum anderen bedeutet Vergebung aber auch, eine Beleidigung zu verzeihen und nicht länger Bestrafung oder Vergeltung zu suchen.

Ich werde mich auf die erste Bedeutung fokussieren, die offen genug ist, um Situationen einzuschließen, in denen du jemanden moralisch oder rechtlich nicht verziehen hast, aber trotzdem in Bezug auf das, was geschehen ist, Frieden finden willst. Vergebung finden, kann Hand in Hand gehen mit dem Verfolgen von Gerechtigkeit.

Vergebung kann Angst einjagen

Manchmal haben Menschen Angst, dass sie, wenn sie jemandem vergeben, sein oder ihr Handeln gutheißen – so, als würden sie ihnen einen Freibrief für falsches Verhalten geben. In Wirklichkeit können wir eine Handlung als moralisch verwerflich sehen und gleichzeitig nicht mehr auf denjenigen wütend sein, der sie begangen hat. Wir können weiterhin Traurigkeit fühlen wegen der Auswirkungen der Handlung auf uns und andere und wir können sogar aktiv werden, um dafür zu sorgen, dass es nie wieder geschieht, aber wir fühlen uns nicht länger verärgert, vorwurfsvoll und rachsüchtig.

Vergebung klingt so groß

Vergebung kann sich abgehoben anhören – so, als würde sie nur bei größeren Dingen angemessen sein, wie Mord und Ehebruch. Aber meistens geht es bei Vergebung um die kleinen Wunden des Alltags, wenn andere dich enttäuschen, dich behindern oder ärgern oder einfach ein falsches Wort sagen.

Vergebung ist gut für den, der vergibt

Derjenige, der am meisten aus der Vergebung profitiert, ist paradoxerweise oft derjenige, der vergibt. Ein Grund dafür ist, dass wir oft Menschen vergeben, die nicht wissen, dass wir ihnen vergeben haben – oft wussten sie nicht mal, dass wir uns falsch behandelt fühlten!

Denke an zwei Situationen: In einer Situation hat jemand einen Groll gegen dich, aber vergibt dir. In einer anderen Situation hast du einen Groll gegenüber jemandem und lässt ihn los. Welche Situation nimmt dir größere Last vom Herzen? Im Allgemeinen ist es die zweite, weil du dein eigenes Herz überallhin mitnimmst.

Vergebung befreit

Im Grunde befreit dich die Vergebung von der Verstrickung in Wut und Rachegefühle und von hartnäckigen Gedanken an die Vergangenheit oder an die ständige Anklage in deinem Verstand gegen den Menschen, auf den du wütend bist. Es wandelt dein Selbstgefühl von einem passiven, in dem dir schlimme Dinge zustoßen, zu einem, in dem du aktiv deine eigenen Einstellungen veränderst: Du bist nun der Hammer, nicht mehr der Nagel.

Es erweitert deine Sicht, um die Wahrheit der vielen, vielen Dinge, die Menschen dazu bringen, so zu handeln, wie sie es tun. Dadurch kannst du das Geschehen in einen Kontext, in ein größeres Ganzes setzen.

Und was am tiefgründigsten ist: Wenn du dir selbst vergibst – was mit einschneidenden Veränderungen in deinen Gedanken, Worten und Handlungen einhergehen kann –, wird dein eigenes tiefes und natürliches Gutsein immer stärker offenbar.

Kümmere dich so gut du kannst um dich und die, die dir etwas bedeuten.

Schütze dich gegen ständige oder mögliche Verletzungen. Tu, was du kannst, um Verletzungen, die du erlitten hast, zu heilen. Mach dein Leben zu einem guten Leben.

Frage nach Unterstützung

Wir sind zutiefst und instinktiv soziale Tiere. Es ist viel leichter, jemandem, der dich verletzt hat, zu vergeben, nachdem andere Zeuge der Ungerechtigkeit waren, die dir geschehen ist.
Anmerkung: Das hebt auch hervor, wie wichtig es ist, Zeugnis für Verletzungen abzulegen, die anderen zugefügt werden. Sei es die Wirkung der abweisenden Kälte eines Teenagers auf deinen Partner oder die Wirkungen der religiösen Vorurteile bei Millionen von Menschen.

Ehre die Wunde

Öffne dich für den Schock, die Verletzung, das Gefühl der Ungerechtigkeit, der Wut oder anderen Aspekten der Erfahrung, anstatt von all dem überwältigt zu werden. Lasse deinen Gedanken und Gefühlen sowie den damit verbundenen Wünschen ihren Raum zum Atmen. Erlaube ihnen zu kommen und zu gehen – in ihren eigenen organischen Rhythmen. Bei Vergebung geht es nicht darum, deine Gefühle zu verschließen. Es ist eine Unterstützung für die Vergebung, sich der Erfahrung in einem großen Raum des achtsamen Gewahrseins zu öffnen.

Überprüfe deine Geschichte

Achte auf Übertreibungen, wie schlimm, wichtig oder unverzeihlich der Zwischenfall war. Sei vorsichtig, wenn du eine Absicht unterstellst; mit dem modernen Leben sind die meisten von uns oft ziemlich gestresst und zerstreut; vielleicht bist du jemandem unglücklicherweise an seinem schlechten Tag begegnet. Sieh das Ereignis in einer größeren Perspektive: War es wirklich so eine große Sache, auch wenn du all die guten Dinge an dem Menschen, auf den du nun wütend bist, bedenkst? Vielleicht war es so, aber vielleicht auch nicht.

Schätze den Wert der Vergebung

Frage dich selbst: „Was kostet mich mein Groll und meine Feindseligkeit? Was kostet es andere, die mir wichtig sind? Wie wäre es, diese Lasten abzulegen?

Sieh das große Bild

Denk an die „10.000 Gründe“ in der Geschichte des Menschen, der dich verletzt hat – einschließlich seinem oder ihrem Leben, seiner oder ihrer Kindheit, der Eltern, finanziellen Situation, Stimmung, Gesundheit, seines oder ihres mentalen Zustandes etc.

Versuche, es nicht persönlich zu nehmen

Es gibt einen alten Spruch: „Jeder Tag verwundet und der letzte tötet.

Wir werden alle verwundet. Das heißt nicht, dass du dich selbst zu einem Ziel machst oder Menschen aus der Verantwortung entlässt, die Unrecht getan haben. Aber es bedeutet, dass du erkennst, dass der Preis für das Leben auch etwas Schmerz miteinschließt – und das Risiko für ernsthafte Unfälle in der einen oder anderen Form. Das ist nicht persönlich. Wir müssen uns davon nicht beleidigt fühlen.

Hilf dir selbst, Frieden zu finden

Akzeptiere, dass die Vergangenheit nicht veränderbar ist. Das schlimme Ereignis wird nie mehr nicht geschehen sein. Nimm innerlich Abstand von deiner Geschichte, deinem Bericht, deiner „Anklage“ über das Ereignis. Halte dich von Menschen fern, die die Flammen der Wut entfachen. Fokussiere dich auf die guten Dinge in deinem Leben und auf Dankbarkeit. Es ist schlimm genug, dass Menschen dich verletzt haben. Füge nicht der Verletzung noch einen Angriff hinzu, indem du dich in deinem Verstand ständig mit diesen Menschen beschäftigst. Sie sind vielleicht mit einem Teil deines Geldes abgehauen, aber gib ihnen nicht auch noch deine Gedanken.

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Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson

Bildquelle:
1. Hände Hände – Foto: sokaeiko / pixelio.de

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Forgive veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

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