Was wirklich wichtig ist

Erinnere dich an die großen Dinge

Seerose

Achtsamkeit als Gewahrsein jedes Augenblicks im Alltag wäre eine Art Idealzustand für unser Leben. Das gelingt den wenigsten Menschen, weil wir gedanklich meistens in Vergangenheit oder Zukunft unterwegs sind. Deshalb verpassen wir oft jene Momente, in denen sowohl Freude wie auch Leid ihren Anfang haben.

So versuchen wir oft, wenn sich aus vielen Bedingungen und Puzzle-Teilen des alltäglichen Lebens ein Mosaik der Freude oder des Leids manifestiert hat, in Gedanken des Erinnerns nach jenem Anfang, einem Grund zu suchen.

Das ist einerseits wenig hilfreich, weil wir nicht alle Bedingungen wirklich erfassen und erinnern können, Puzzle-Teile inzwischen verloren oder vergessen sind. Andererseits können wir am „Ergebnis“, der Freude oder des Leids, nichts mehr ändern, weil diese bereits wieder vergangen sind.

Eine wichtige Funktion des Erinnerns ist jedoch, dass wir erkennen können, was in diesem Leben wirklich für uns zählt, uns klar werden, was uns in diesem Leben wirklich wichtig ist.

Hierüber handelt der nachfolgende Beitrag von Dr. Rick Hanson:

In jedem Leben gibt es Erinnerungen daran, was wirklich wichtig ist. Vergangenes Jahr habe ich selbst solch eine Erinnerung bekommen, in einer Form, die schon zahllose Menschen erhalten haben und die noch zahllose Menschen nach mir erreichen wird: Mir wurde gesagt, dass ich ein möglicherweise ernstes gesundheitliches Problem habe.

Reflexion über das Leben

Die halbjährliche Untersuchung meiner Muttermale beim Hautarzt zeigte ein lokalisiertes Melanom in meinem Ohr, das sofort entfernt werden musste. Die Prognose war sehr positiv, denn der Krebs ist „nicht invasiv“. Aber es ist ganz sicher eine Ahnung der Sterblichkeit. Hoffentlich wird mich diese Kugel verfehlen, trotzdem ist es eine unangenehm konkrete Botschaft, dass uns früher oder später etwas zustoßen wird.

Mir persönlich geht es gut dabei. Es ist so, als hätte ich drei Schichten in meinem Verstand, während ich hier schreibe, nur einige Tage, nachdem ich diese Neuigkeit erfahren habe. Die oberste Schicht konzentriert sich auf die Problemlösung. Darunter ist ein kleines pelziges Tier, das sich Sorgen macht und sich an seine Liebsten ankuscheln will. Aber der Grund fühlt sich annehmend, friedvoll und dankbar an.

Nachdem eine Kugel vorbeigerauscht ist (und vielleicht ein Stück von deinem Ohr mitgenommen hat!), ist es selbstverständlich, über das Leben zu reflektieren – sowohl über die Vergangenheit als auch die Zukunft. Aber natürlich braucht man kein gesundheitliches Problem (das in meinem Fall nichtig war, im Vergleich zu den Gesundheitsproblemen, mit denen so viele Menschen in der Welt zu tun haben), um darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Dann lernst du die Dinge wertzuschätzen, die du bisher verehrt hast, und du siehst, wo du dich mehr in dem zentrieren kannst, was dir wirklich wichtig ist.

Es ist sicher ein guter Ratschlag, die kleinen Dinge nicht zu vernachlässigen, aber du musst dich auch um die großen Dinge kümmern. Es gibt viele gute Gründe dafür: Von mehr Freude an deinem Leben bis hin zum Erkennen der Wahrheit, dass du irgendwann nur „Noch ein Jahr zu leben“ hast – wie der Titel von Stephen Levines bewegendem Buch sagt.

Du wirst nie wissen, wann du über die unsichtbare Linie gehen wirst, und der Countdown beginnt: „Noch 365 Tage, dann …” Aber du kannst wissen, bevor und nachdem du die Linie überschritten hast, dass du dich an die großen Dinge erinnert hast.

Ein paar Fragen

Was ist dir in diesem Leben wirklich wichtig?

Was war wirklich wichtig, wenn du auf dein Leben zurückschaust? Worauf willst du besonders achten, wenn du in die Zukunft blickst?

Denke über diesen bekannten Ratschlag nach: Stell dir vor, du würdest in deinen letzten Tagen entspannt ruhen und über dein Leben nachdenken: Über welche Gefühle und Handlungen, die du zur Priorität gemacht hast, möchtest du glücklich sein?

Einige große Dinge

Ich spreche hier über einige Dinge, über die ich vor Kurzem nachgedacht habe. Sieh, welche davon für dich passen und füge deine eigenen hinzu. Legen wir los:

    Du. Die sanfte, weiche, verletzliche Innerlichkeit, auf der sowohl die Schokoladenküsse als auch scharfen Pfeile des Lebens landen. Dein eigenes Wohlergehen. Was du aus dem machst, was die Dichterin Mary Oliver „dein eines wildes und kostbares Leben“ genannt hat.

    Liebe in all ihren Formen, von Mitgefühl und kleinen Gesten der Güte bis hin zu leidenschaftlicher Verliebtheit und tiefer Verbundenheit. Die Menschen, die dir wichtig sind.

    Schmecke – mit all deinen Sinnen – was in diesem Augenblick köstlich ist: eine reife Banane, ein Vogelgesang, die Kurve der Straßenbegrenzung, die Lippen eines Geliebten, das Leben …

    Praxis. Hilf dir regelmäßig, dein Gewahrsein zu vertiefen, und im Garten deines Geistes Unkraut auszureißen und Blumen zu pflanzen.

    Karma Yoga – ein hinduistischer Ausdruck, der bedeutet, dass man angemessen handelt, in einer Weise, die einem anderen Wesen dient. Es ist eine Praxis, erfüllt mit dem Gefühl der Einheit mit dem, was dir heilig ist. Dazu gehört die Fürsorge um Kleinigkeiten, die wichtig sind und die Wertschätzung der Kraft kleiner Dinge, die sich über längere Zeit zum Guten oder zum Schlechten ansammeln.

    Loslassen. Ausatmen, entspannen, deinen Geist verändern, weitergehen, Ärger loslassen (und gleichzeitig für wichtige Dinge Stellung beziehen).

    Die Dinge, die du ständig verschiebst. Jemandem zu sagen, was du denkst, dieses Buch schreiben, wieder Klavier spielen, Zeit für Sport finden oder den Grand Canyon besuchen.

    Sein, sich Zeit nehmen, ohne Plan zu sein. Statt ständig etwas zu tun, die Abhängigkeit des modernen Lebens. Das Tun verdrängt das Sein, so wie Krebszellen, die gesunden Zellen verdrängen.

    Dich daran zu erinnern, dich an die großen Dinge zu erinnern. Und danach zu handeln. Bevor es zu spät ist.

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Creative Commons Lizenzvertrag Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Remember the big things veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Im November 2012 erschien im Arbor Verlag das gleichnamige Buch zum Newsletter: Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha.

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