Wenn nichts mehr übrig bleibt

Auf Kollisionskurs mit unserem getrennten Selbst

Charles Eisenstein - Die Renaissance der Menschheit

Wenn unsere Zivilisation endgültig kollabiert, landen wir dann wieder in der Steinzeit? – Vielleicht sind Wehe und folgendes Wohl nur Bestandteil einer höheren Ordnung, die in den Herzen der Menschen bereits angelegt ist.

Die Renaissance der Menschheit von Charles Eisenstein zeigt eine vielschichtige Bestands- aufnahme menschlicher Verlorenheit und vermittelt einen hoffnungsfrohen Ausblick auf „die Zeit danach“.

So müssen wir Menschen wohl und können irgendwie nicht anders als die derzeitige Manifestation unseres Daseins an den Rand des Exodus zu treiben, unser Getrenntsein von der Natur und den Gesetzen des Universums voll auszuleben.

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Die Entwicklung der Selbstwahrnehmung

Die Wandlung hat längst begonnen, und ohne tiefe Erfahrung des Leids werden wir wohl kaum zu der Erkenntnis gelangen, dass wir unsere Vorstellung eines von allem abgetrennten Selbst fallenlassen sollten. Das haben die Heiligen, Buddhas, Yogis, Mystiker, Priester, Schamanen und Seher jenseits des Denkens in ihren jeweiligen Kulturen und Traditionen schon vor langer Zeit erkannt und bis heute weitergegeben. Es scheint aber nicht in unsere Zeit, in unsere heutige Welt zu passen, es stört sogar unser Streben nach Individualität, Spass, Sicherheit und Bequemlichkeit …

Eben dieses Streben nach dem, was wir für „Fortschritt“, „Wohlstand“ und „Wachstum“ halten, zerstört unsere Lebensgrundlagen auf der Erde. Bis wir unsere Ego-Zentriertheit überwunden haben, könnte es durchaus knapp werden.

Charles Eisenstein hat für Die Renaissance der Menscheit (The Ascent of Humanity) sechs Jahre recherchiert, unter anderem in den Quellen der mystischen, spirituellen und religiösen Traditionen, der Naturwissenschaften, der Philosophie und der Geschichte sowie den Sozialwissenschaften. Sein enormes Wissen, seine Leidenschaft, die Dinge unseres Daseins in der relativen Wirklichkeit gründlich zu klären, hat ein umfassendes Bild auf unsere menschliche Zivilisation entworfen, die jeden Menschen in einer persönlichen Dimension betrifft.

Aus dem Inhalt: Der Fall (Kapitel VIII: Selbst und Kosmos)

Hoffen wir, dass wir nicht die letzte Konsequenz abwarten; das wäre der völlige Ruin des Lebens und der Welt. Hässlichkeit und Verkehrtheit müssen bis dahin unannehmbar geworden sein. Alles was du zur Verbreitung des Wissens tust, dass das Leben schön und bedeutungsvoll sein soll und alles was du tust, um Menschen davon zu überzeugen, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben, wird unsere Toleranz gegenüber Zerstörungen senken und den Ausgangspunkt verbessern, von dem sich unsere süchtige Gesellschaft nach ihrem Fall erheben muss.

Ich glaube, der beste Weg zur Verbreitung dieser Nachricht ist es, sich selbst nicht mit weniger zufrieden zu geben. Ich bin oft von jenen inspiriert worden, die, wie Gandhi anordnete, „sich weigern, an etwas Entwürdigendem teilzunehmen“, oder von jenen, die ihr Leben der Schaffung schöner Dinge widmen, oder von jenen, die völlig auf Pflanzen und Tiere eingestellt sind, oder von jenen, die frei von einer Denkweise leben, ob sie sich etwas leisten können, oder jene, die mit der Kraft ihrer Liebe Menschen zusammenführen; die mühelos und uneingeschränkt freigiebig sind; die mich durchschauen und mich doch lieben, weil sie wissen, dass ich gut bin. Diese Menschen zeigen uns unser Geburtsrecht: wie das Leben sein soll. Wenn wir ihre Freude, Leidenschaft, Liebe, Freigiebigkeit und Kreativität sehen, tolerieren wir kein System und keine Ideologie mehr, die das Gegenteil erzeugen. Das Leben kann besser sein als das hier!

Wiederhergestellte menschliche Natur (Kapitel VIII: Selbst und Kosmos)

Wenn ich vor Publikum über radikales Selbstvertrauen rede, beobachte ich eine Bandbreite von Reaktionen, die von dankbarer Zustimmung („Ich habe schon immer darauf gewartet. Ich wusste es die ganze Zeit, konnte es aber nicht glauben.“) bis zu wütendem Protest reichen („Das würde die heutige Zivilisation zugrunde richten.“). Beide Reaktionen sind zutreffend. Was würde mit der Zivilisation geschehen, wenn jeder beispielsweise seinem inneren Widerwillen gegen Jobs vertraute, die ihn selbst und andere herabsetzen? Ich vermute, dass viele Menschen beide Reaktionen – Dankbarkeit und Protest – gleichzeitig spüren. Das konditionierte Selbst fürchtet genau jene Freiheit, die es sich so sehr wünscht. Wie auf kollektiver, so heißt auch auf individueller Ebene ein Leben in Selbstvertrauen zu führen, dass man das Ende des uns bekannten Lebens hinnimmt. Alles kann geschehen, und alles kann sich ändern: Arbeit, Umwelt, Beziehungen und mehr. Im Tausch gegen Freiheit müssen wir Vorhersagbarkeit und Kontrolle aufgeben.

Darum muss die Botschaft „sei so gut zu dir selbst wie du kannst“ von neuer Einsicht darin begleitet sein, was es heißt, gut zu sich selbst zu sein. Das Erfolgsrezept unserer Gesellschaft ist ein Katastrophenrezept. Nicht nur auf kollektiver Ebene, sondern auch individuell, führt die Verpfändung unserer Lebensbestimmung an die Anforderungen von Sicherheit und Bequemlichkeit schlussendlich zum Bankrott; wir schauen verlassen, einsam und krank auf Jahre zurück, die wir an die Jagd nach einer Fata Morgana verschwendet haben.

Doch brauchen jene Jahre – ich habe selbst viele davon verschwendet – nicht völlig fruchtlos gewesen zu sein; nicht, wenn wir daraus lernen, wofür die Ersatzobjekte unseres Strebens wirklich standen. Alles, was ich wirklich wollte, war Nähe. Alles, was ich wirklich wollte, war Nahrung. Alles, was ich wirklich wollte, war Trost. Alles, was ich wirklich wollte, war Liebe. Alles, was ich wirklich wollte, war, meine Größe zum Ausdruck zu bringen. Nun ist die Frage, welches der wahre Gegenstand ist, nach dem die Menschheit, die technologische Spezies, strebt. Denn es scheint, dass der Aufstieg der Menschheit in Wirklichkeit ein Abstieg ist, eine Reduzierung des unmittelbaren Reichtums der Realität, ein Aufgeben des ursprünglichen Überflusses der Nahrungssuche. Aber vielleicht ist da mehr; vielleicht tasten wir uns an etwas heran, eine kollektive Bestimmung oder ein Schicksal, und haben stattdessen bei unserem Streben nach einem Ersatz, einem Schein, einer Täuschung endlose Schäden angerichtet. Vielleicht war es nötig, dass unsere Suche uns ganz in die extreme Trennung geführt hat; vielleicht wird die kommende Wiedervereinigung nicht eine Rückkehr in eine unverfälschte Vergangenheit sein, sondern eine Wiedervereinigung auf einer höheren Bewusstseinsebene. Durchlaufen wir eine Spirale statt eines Kreises?

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