Wer hat Angst vor Silvio Gesell?

Im Gedenken an Hermann Benjes

Hermann Benjes - Silvio Gesell

Hermann Benjes verstarb am 24.10.2007 im Alter von siebzig Jahren.

Er war ein ebenso sympathischer Mensch wie streitbarer Geist, wenn es um das Thema „Geld und Zinsen“ ging.

Hermann Benjes schrieb das Buch „Wer hat Angst vor Silvio Gesell – Das Ende der Zinswirtschaft bringt Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle„.

Hermann Benjes war nicht nur Schriftsteller sondern auch Naturfotograf, Geldreformer und Hecken-Experte. Er ist Erfinder der Benjeshecke, einem sehr erfolgreichen Flurbelebungskonzept zur Rettung der Artenvielfalt durch Vernetzung von Lebensräumen.

Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle

Aus dem Credo, aus der Botschaft der Veröffentlichungen von Silvio Gesell formulierte Hermann Benjes den Untertitel seines Buches, „Das Ende der Zinswirtschaft bringt Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle„. – In seinem 354 Seiten starken Buch (inzwischen in der 8., veränderten Auflage von Januar 2007) belegte Hermann Benjes bildhaft, engagiert, streitbar, humorvoll und sympathisch die These seines Untertitels.

Geld Umlauf

Foto: Emre Ayaroglu / Quelle: Flickr

Silvio Gesell (1862 – 1930) erkannte schon vor über einhundert Jahren einen Kardinalfehler in der Struktur des Geldes. Als erfolgreicher und hoch intelligenter Kaufmann erkannte Silvio Gesell, dass Krisen und Kriege hauptsächlich durch Störungen im Geld-Kreislauf verursacht werden. – Das private Horten, die Möglichkeit der privaten Hortbarkeit des öffentlichen Tauschmittels „Geld“ ermöglicht es, durch Geldverleih Zinsen und Zinseszinsen zu erpressen. So kommt es zu einer sich fortlaufend beschleunigenden Umverteilung des Geldes von den Arbeitenden zu den Geldbesitzenden – eine geradezu diabolische Ungerechtigkeit.

Geniale Umlaufsicherung des Geldes – Wörgl

Silvio Gesell schuf die Voraussetzung für ein Geld, das sich auch ohne Zinsgeschenke dem Markt anbietet, durch eine geniale Umlaufsicherung. Unter dem „Wunder von Wörgl“ führte 1932 ein Großversuch in der Tiroler Gemeinde dazu, die Überlegenheit von Silvio Gesells Theorien erfolgreich unter Beweis zu stellen. Ein überaus lesenswerter Artikel erschien in der ZEIT ONLINE – Das Wunder von Wörgl (Rubrik: Historisches Experiment, Ausgabe 52/2010).

Das erfolgreiche Experiment in Wörgl erregte weltweit Aufsehen und dauerte bis in den November 1933 – dann wurde es von der Österreichischen Nationalbank in Wien über den österreichischen Verwaltungsgerichtshof gestoppt. – Hoch angesehene Wirtschaftswissenschaflter wie Irving Fisher und John Maynard Keynes („Ich glaube, die Zukunft wird vom Geiste Gesells mehr lernen als von jenem von Marx„) hatten die Genialität von Silvio Gesell erkannt. Die Wirren und Folgen des Zweiten Weltkrieges indes ließen das „Wunder von Wörgl“ lange Zeit in Vergessenheit geraten.

Arbeit und Geld sind in Hülle und Fülle vorhanden

Arbeit und Geld

Foto: patriziasoliani / Quelle: Flickr

Millionen Hausdächer warten auf Solaranlagen, Millionen Häuser auf eine energie-effiziente Sanierung. Allein der dringend erforderliche ökologische Umbau der Gesellschaft würde Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen. Und das dafür benötigte Geld steht überreichlich zur Verfügung – würde es nicht in unvorstellbaren Mengen in die (virtuellen) Tresore der Zinskassierer und Spekulanten geschaufelt. – Die Folgen sind verheerend.

Der Bund, die Bundesländer, die Kommunen sitzen in der sogenannten Schuldenfalle und stehen dauernd am Rande ihrer Handlungsunfähigkeit. Während den Bürgerinnen und Bürgern, den Steuerzahlerinnenn und Steuerzahlern „Schuldenbremsen“ als Notwendigkeit verkauft werden und weiterhin Massenarbeitslosigkeit besteht. – Dabei sind die verheerenden Folgen hausgemacht, sie resultieren aus dem fragwürdigen Anspruch auf Zinsen.

So arbeiten wir („normalen Menschen“) schon mit einem Drittel unserer Lebenszeit dafür, dass – bildlich geschrieben – eine Handvoll Leute, die mühelos Geld mit Geld (nämlich Zinsen) verdient. Sehr bald wird diese Verrücktheit unseres Finanzsystems mit der Zinswirtschaft dazu führen, dass wir unser halbes Leben dafür opfern (sollen). – Volkswirtschaftler und „Wirtschaftsweise“ wollen uns immer noch weis machen, dass wir dies für „das Wachstum“ hinnehmen müssten. Betriebswirtschaftler, insbesondere sogenannte Controller sorgen in den Betrieben für eine Arbeitsverdichtung, mit der die Arbeitszufriedenheit der Menschen weiter gegen Null gehen wird. Weil am Ende eines Arbeitslebens für viele Menschen nicht mehr viel übrig bleiben wird, um in Würde das Alter zu genießen.

Verrücktheit des Finanzsystems mit der Zinswirtschaft

Hermann Benjes konnte diese Verrücktheiten des Finanzsystems so eindringlich auf seinen vielen Vorträgen schildern. Aber auch in seinem Buch „Wer hat Angst vor Silvio Gesell – Das Ende der Zinswirtschaft bringt Arbeit, Wohlstand und Frieden für alle“ spart er in seinen Ausführungen nicht mit harten und eindringlichen Worten. – Es hat ihn verärgert und empört, dass „Vater Staat“ sich bei den Kapital hortenden und faulen Zinskassierern so hoch verschuldet hat, dass dieser Staat „in seiner Not“ keinen anderen Ausweg sieht, als diese „Kapitalkosten“ (nichts anderes sind die Zinsen) auf die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler abwälzt.

Verrücktes Finanzsystem

© SarahC. / PIXELIO

Mittlerweile stecken die Zinsen in allem, das wir konsumieren (müssen) zu Anteilen von 30 bis 80 Prozent. Wer in einem Neubau zur Miete wohnt, zahlt einen Zinskostenanteil von nicht selten 80 Prozent (bezogen auf die Kaltmiete). Versteckte Zinskosten, die Produzenten und Anbieter auf ihre Produkte „draufschlagen“, um selbst ihren „Kapitaldienst“ leisten zu können. – Angesichts der letzten (2009) und jetzigen „Finanzkrise„, „Euro-Krise“ oder „Banken-Krise“ wäre Hermann Benjes heute richtig angefressen, selbst wenn er sich bestätigt sehen würde.

Schade, dass Hermann Benjes keinen Vortrag mehr halten, oder sein Buch um diese Kapitel mit den aktuellen Verrücktheiten der Zinswirtschaft erweitern kann.

Silvio Gesell – nicht widerlegbare Erkenntnisse

Die Erkenntnisse von Silvio Gesell, dass ein Ausweg aus der Zinsknechtschaft zu sozialer Gerechtigkeit führt, können nicht widerlegt werden. Über neunzig Prozent der Bevölkerung würden durch Wohlstand und Lebensqualität davon profitieren. Von den übrigen zehn Prozent, die heute noch klare Nutznießer der Zinswirtschaft sind, würden die tüchtigen Unternehmerinnen und Unternehmer ebenfalls profitieren. Lediglich „eine Handvoll“ Finanzgewaltiger, die über Milliarden verfügen, würde Federn lassen.

Weil nicht umlaufendes Geld in dem Maße und Zeitläufen an Wert verliert, wie es gehortet wird – in der Literatur wird auch von Schwundgeld oder Freigeld geschrieben. Die Handvoll Profiteure kontrolliert weiterhin die Schaltstellen der Macht auf dieser Welt, inklusive Politik und Medien, sogar Forschung und Lehre im Bereich der Finanz- / Wirtschaftswissenschaften. Ohne jetzt und hier auf großartige Verschwörungstheorien eingehen zu müssen.

Silvio Gesell blieb es aufgrund seiner Erkenntnisse vorbehalten, die Kaufkraft einer Währung auf die Rangstufe unantastbarer Maßeinheiten zu stellen, wie eine Stunde immer aus sechzig Minuten, ein Kilo aus eintausend Gramm, ein Meter aus einhundert Zentimetern bestehen wird. Während Studentinnen und Studenten der Volkswirtschaftslehre noch immer im ersten Semester erfahren, dass an der Währung eines Landes hoheitlich und regelmäßig herum gepfuscht werden darf. Dem EURO wird es somit nicht anders ergehen als der Deutschen Mark (DM). Bis zur Einführung des EURO wurde die Kaufkraft der DM seit 1949 von einhundert Pfennig schön langsam auf cirka 26 Pfennig herab gesenkt … Als Folgen treten somit weiterhin Massenarbeitslosigkeit, Bildungsarmut, Verwehrung von Teilhabe und immer stärker Altersarmut auf.

Was Hermann Benjes mit seinem Buch aufdeckte, ist bis an die Grenze der Unterträglichkeit empörend. Und doch gibt sein Buch zu großen Hoffnungen Anlass, weil sich das derzeitige Finanzsystem mit seinem Zinsterror möglicher Weise bald selbst zerlegt hat.

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