Wir amüsieren uns zu Tode

Neil Postman – Buchvorstellung

Wir amüsieren uns zu Tode

Neil Postman – „Wir amüsieren uns zu Tode“ (Titel der amerikanischen Original-Ausgabe: „Amusing Ourselves to Death„, erschienen 1985. – Die deutsche Ausgabe erschien 1988 im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main).

Buchvorstellung von Rainer Bünning im Rahmen einer Vorlesung über Sozialpsychologische Grundlagen an der Fachhochschule des Bundes / Fachb. Arbeitsverwaltung – Mannheim, Juni 1990.

Eine Ein-Satz-Zusammenfassung müsste lauten:

Wir amüsieren uns zu Tode

Mit einer Ein-Satz-Zusammenfassung kommen wir nicht weiter und werden dem absolut lesenswerten Buch auch nicht gerecht. – Und in zwei oder drei Sätzen ist der Inhalt des Buches auch nicht beschrieben oder erklärt, obwohl wir ja alle Meister im Abkürzen (geworden) sind. – Dies, das Abkürzen, ist einer der Kritikpunkte, die von Neil Postman beschrieben werden:

    Bei der Fülle an Informationen, die auf uns niederprasseln, sind wir gezwungen, nach Abkürzungen zu suchen – eine tiefer gehende Betrachtung, die Frage nach dem Sinn und Zweck für unser Dasein bleibt außen vor.

Visionen von George Orwell und Aldous Huxley

Zwei düstere Visionen stehen in der Einleitung des Buches von Neil Postman gegenüber: George Orwell mit „1984“ (erschienen 1950) und Aldous Huxley mit „Schöne neue Welt“ (erschienen 1946).

George Orwell warnt in 1984 vor der Unterdrückung durch eine äußere Macht, fürchtet diejenigen, die Bücher verbieten, fürchtet jene, die uns Informationen vorenthalten. Und befürchtet schließlich, dass das, was uns verhasst sei, werde uns zu Grunde richten.

Aldous Huxley rechnete in Schöne neue Welt mit der Möglichkeit, dass die Menschen anfangen, ihre Unterdrückung zu lieben und die Technologien anzubeten, die ihre Denkfähigkeit zunichte machen. Er befürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen in Passivität retten. Und dass das, was wir lieben uns schließlich zu Grunde richten wird.

    Wir amüsieren uns zu Tode“ handelt von der Möglichkeit,
    dass Huxley und nicht Orwell recht hatte.

Die Entstehung des Buches von Neil Postman fiel in die Zeit der Präsidentschaft von Ronald Reagan als 40. Präsidenten der USA (1981 bis 1989):

    Halten wir heute nach einem Sinnbild für den Charakter und die Sehnsüchte unserer Nation Ausschau, so blicken wir nach Las Vegas – ihr Wahrzeichen ist die zehn Meter hohe Papp-Attrappe eines Spielautomaten und eines Chorus-Girls. Denn Las Vegas hat sich ganz und gar der Idee der Unterhaltung verschrieben und verkörpert damit den Geist einer Kultur, in der der gesamte öffentliche Diskurs immer mehr die Form des Entertainments annimmt.

„Die GUCKGUCK-Welt“

Mit der Erfindung des Telegraphen fing es an: Er sollte, nach seinem Erfinder S. Morse, „das ganze Land in eine einzige Nachbarschaft verwandeln„.
Obwohl diese Nachbarschaft nur wenig wichtiges miteinander auszutauschen hatte, wurde die Telegraphie durch die Presse zum Medium des Austausches von Belanglosigkeiten – Handlungsunfähigkeit und Zusammenhanglosigkeit bestimmte rasch den öffentlichen Diskurs. – Die Quantität hatte alsbald einen höheren Stellenwert als die Qualität.
Der größte Teil der täglichen Nachrichten bleibt wirkungslos, besteht aus Informationen, über die wir zwar reden können, die uns jedoch nicht zu sinnvollem Handeln veranlassen.

    Fragen wir uns doch einmal:
    – Was planen wir zur Senkung der Kriminalitätsrate?
    – Was planen wir zur Eindämmung des Konfliktes im Nahen Osten?
    Wir planen gar nichts.

Zusammen mit der Fotografie entwickelte sich bis in unser heutiges Fernseh-Zeitalter eine bruchstückhafte Schlagzeilen-Mentalität. – Den vorher anonymen Nachrichten wurden Bilder zugeordnet, so wurde ein Scheinkontext geschaffen. Während die Menschen früher nach Informationen suchten, um den realen Kontext ihres Daseins zu erhellen, mussten sie jetzt Kontexte erfinden, in denen sich sonst nutzlose Informationen scheinbar nutzbringend gebrauchen ließen (etwa für ein Kreuzworträtsel, auf einer Cocktail-Party, beim Spiel „Trivial Pursuit“).

    Der Schein-Nutzen unserer GuckGuck-Welt besteht darin, sich zu amüsieren.

Denn was soll man anderes anfangen mit Informationen, die keine wirkliche Beziehung haben zu unserem Dasein, die nicht auf Handeln, das Lösen von Problemen oder auf Veränderung abzielen?

Das Fernsehen

trieb das Wechselspiel zwischen Bild und Augenblicklichkeit zur äußersten Perfektion.

    Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.

Nachrichtensprecher liefern uns täglich Bruchstücke von Tragik und Barbarei ins Haus und fordern uns auf, „morgen wieder dabei zu sein„. – „Man sollte meinen, dass einige Minuten, angefüllt mit Mord und Unheil, Stoff genug für einen Monat schlafloser Nächte bieten„.

Amerikanische Nachrichten-Sendungen sind Shows, ein Rahmen für Entertainment – und nicht für Bildung, Nachdenken ode Besinnung. – Das Entertainment ist nicht nur auf dem Bildschirm die Metapher für jeglichen Diskurs, diese Metapher dominiert auch jenseits des Bildschirms:

    Die Amerikaner sprechen nicht miteinander, sie unterhalten einander. Sie tauschen keine Gedanken aus, sie tauschen Bilder aus. Sie argumentieren nicht mit Sätzen, sie argumentieren mit gutem Aussehen, Prominenz und Werbesprüchen.

„Und jetzt …“

dieser Ausdruck ist charakteristisch für den öffentlichen Diskurs geworden. Mit und jetzt … werden Nachrichten, soeben aufgenommen, wieder aus dem Bewusstsein befördert. Nachrichten sind nicht nur zerstückelt, sie haben keinerlei Kontext, sie sind ebenso folgenlos wie wertlos, es fehlt ihnen also wirkliche Ernsthaftigkeit: Nachrichten als bare Unterhaltung. – Die Besinnung wird kurzgeschlossen, nach jeder auch noch so unheilvollen Nachricht folgt ein Werbespot, der alles wieder entschärft.

Anti-Kommunikation und Desinformation

Den Fernseh-Nachrichten liegt die Theorie der Anti-Kommunikation zugrunde, der Grundgedanke lautet: „alles kurz halten, die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht zu sehr belasten und sie stattdessen durch Abwechslung, Neuigkeit, Aktion und Bewegung ständig zu stimulieren„.

Wenn Nachrichten als bare Unterhaltung präsentiert werden, ist das unvermeidliche Ergebnis die Desinformation (= irreführend, unangebracht, irrelevant, bruchstückhaft). – Der Publizist Walter Lippmann schrieb 1920:

    Für eine Gemeinschaft, der die Mittel fehlen, um Lügen aufzudecken, kann es keine Freiheit geben.“

Reporter, die willens und imstande sind, Lügen bloßzustellen (beispielsweise durch gründlich recherchierte Berichte in Zeitungen und Magazinen) könnten die Grundlage für eine informierte Öffentlichkeit schaffen. – Die Öffentlichkeit lehnt es inzwischen jedoch dankend ab, sich dafür zu interessieren.

„Es ist nichts weiter geschehen …“

Es ist nichts weiter geschehen, als dass die Öffentlichkeit sich an die Inkohärenz gewöhnt und in die Teilnahmslosigkeit hinein amüsiert hat. – Worüber Aldous Huxley nicht im mindesten erstaunt gewesen wäre. Anders als George Orwell hatte Huxley erfasst, dass man vor einer Öffentlichkeit, die gegenüber Widersprüchen unempfindlich geworden ist und sich mit technologischen Zerstreuungen betäubt, nichts zu verbergen braucht.

Und so bewegen wir uns mit hohem Tempo in eine Informationsumwelt hinein, die man mit vollem Recht als „trivial pursuit“, als trivialen Zeitvertreib bezeichnen kann.“

Aldous Huxley wollte letzten Endes zu verstehen geben:

      Die Menschen leiden nicht daran, dass sie lachen, statt nachzudenken, sondern daran, dass sie nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben, nachzudenken.

Neil Postman tritt mit seinem Buch Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie dafür ein, sich (wieder) mit Büchern auseinander zu setzen, denn

    Bücher sind ausgezeichnete Behältnisse für die Anhäufung, die gelassene Sichtung und systematische Analyse von Informationen und Ideen. Ein Buch schreiben und ein Buch lesen, das braucht Zeit. Es ist der Versuch, dem Denken Dauer zu verleihen und einen Beitrag zu dem großen Gespräch zu leisten, das die Autoren der Vergangenheit mit der Gegenwart führen.

In diesem Sinne sollte das Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman anstatt einer Drei-Sätze-Zusammenfassung gelesen werden.

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