Wo ist die schönere Welt?

Unser Herz weiß von der schöneren Welt

Charles Eisenstein Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich

Bewegung ist Fortschritt, Stillstand ist Rückschritt, ein – inzwischen neurotischer – Glaubenssatz, dem Denkmuster zugrunde liegen, das Leben und die Welt unterwerfen zu können. In unseren Herzen wissen wir längst, dass unsere Ideologien, Konzepte und Vorstellungen dem Mensch-Sein nicht dienen.

Die modernen Wissenschaften haben Wissen erschaffen, mit dem wir zunehmend nichts mehr anfangen können, das weder Freude, Frieden, Liebe noch Glück beflügeln kann …

Das aktuelle Buch von Charles Eisenstein trägt den Titel „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“ („The More Beautiful World Our Hearts Know Is Possible„). Das klingt erstmal romantisch und vielleicht auch danach, dass wir „nur unseren Herzen folgen müssen“, um die schönere Welt möglich zu machen. Allerdings steht uns da etwas im Weg, das wir Verstand nennen. Und wir haben noch nicht wirklich nachhaltig erkannt und erfahren, dass „Ich“ und „mein“ das eigentliche Problem darstellen, weshalb unsere Herzen noch nicht wirklich mit unserem Verstand kommunizieren können.

Charles Eisenstein hat sein Buch als Online-Lese-Version den Menschen zum Geschenk gemacht, auch weil er sich für eine Schenkkultur engagiert und weil er eine besondere Einstellung zum geistigen Eigentum kultiviert hat.

Folgende Auszüge aus dem neuen Buch von Charles Eisenstein entstammen der Verlagsankündigung sowie den Kapiteln Zusammenbruch (Kapitel 2), Interbeing German (Kapitel 3) und Nicht-Tun (Kapitel 20).

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Von der Separation zur Verbundenheit (Interbeing)

Es hat wohl Mut gebraucht, dieses Buch zu schreiben – wie es auch Mut braucht, sich darauf lesend einzulassen. Vielleicht sollte sogar eine Warnung über Wirkung und mögliche Nebenwirkungen beigelegt werden.

Was können wir in Zeiten der sozialen und ökologischen Krise als Einzelne tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Dieses inspirierende, verstörende, provokante Buch regt jedenfalls und zumindest zum Nachdenken an. So vielen Problemen unserer Zeit stehen wir scheinbar machtlos gegenüber, fühlen uns überfordert, frustriert, vielleicht sogar gelähmt oder reagieren zynisch. Was kann man denn als Einzelner schon tun? Können wir überhaupt etwas beitragen zum Entstehen jener schöneren Welt, von deren Möglichkeit unsere Herzen wissen?

Eisenstein erforscht diese Frage und geht in seiner Diagnose weit bis hinunter an das Fundament unserer Probleme, das er im Inneren oder im Dazwischen verortet. Es sind die Geschichten, mit denen wir uns einerseits die Welt erklären, und andererseits zugleich die Welt erschaffen, in der wir leben. Zur Zeit ist die Geschichte der Separation das dominante Narrativ, der Mythos, auf den sich unsere Zivilisation gründet.

Zusammenbruch

Wenn ich im nächsten Kapitel die Bausteine einer neuen Geschichte von den Menschen beschreibe, behalten Sie im Kopf, dass wir auf dem Weg von hier nach dort ein zerklüftetes Gelände durchqueren müssen. Wenn meine Beschreibung einer Geschichte der wechselseitigen Verbundenheit, einer Wiedervereinigung von Mensch und Natur, von Ego und Alter, Arbeit und Spiel, Disziplin und Sehnsucht, Materie und Geist, Mann und Frau, Geld und Geschenk, Gerechtigkeit und Mitgefühl und so vielen anderen Gegensätzen idealistisch oder naiv erscheint, wenn sie Zynismus weckt, Ungeduld oder Verzweiflung, dann bitte verdrängen Sie diese Gefühle nicht. Sie sind keine Hindernisse, die zu überwinden sind (das ist Teil der alten Geschichte von der Kontrolle). Sie sind Tore auf dem Weg in die neue Geschichte und eröffnen Zugriff auf die gewaltige Kraft dem Wandel zu dienen, den sie bringt.

Wir haben noch keine neue Geschichte. Jeder von uns kennt einige ihrer Handlungsstränge, zum Beispiel in vielem, was wir heute alternativ, ganzheitlich oder ökologisch nennen. Hier und da sehen wir Muster, Entwürfe, Teile des Gewebes, die sich zeigen. Aber der neue Mythos muss erst entstehen. Wir werden eine Zeit lang in diesem “Raum zwischen den Geschichten” ausharren müssen. Es ist eine sehr wertvolle – manche mögen sagen: heilige – Zeit. Dann sind wir mit dem Echten in Kontakt. Jede Katastrophe deckt die Wirklichkeit hinter unseren Geschichten auf. Der Schrecken eines Kindes, die Trauer einer Mutter, die Ehrlichkeit nicht zu wissen, warum. In solchen Momenten erwacht die in uns schlafende Menschlichkeit; wenn wir einander zu Hilfe eilen, von Mensch zu Mensch, und erfahren, wer wir sind. Das geschieht immer wieder, bei jedem Schicksalsschlag, bevor die alten Glaubenssätze, Ideologien und politischen Reaktionen wieder die Deutungshoheit übernehmen. Jetzt folgen die Schicksalsschläge und Widersprüche so schnell aufeinander, dass die Geschichte nicht genug Zeit hat, sich wiederherzustellen. Solcherart ist der Geburtsvorgang einer neuen Geschichte.

Interbeing (German)

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich existiere. Ich bin alle Schriftsteller, deren Bücher ich las, all die Frauen, die ich liebte und all die Städte, in denen ich war.“ — Jorge Luis Borges

Ein Gefühl von Verbundenheit wächst zwischen den Menschen, die sich in verschiedenen Bereichen des Aktivismus engagieren, sei es auf politischer, gesellschaftlicher oder spiritueller Ebene. Der ganzheitliche Akupunkteur und die Meeresschildkrötenretterin können es vielleicht nicht erklären, aber sie spüren es: “Wir dienen der selben Sache.” Beide arbeiten an der neu entstehenden Geschichte von den Menschen, die der Gründungsmythos einer neuen Zivilisation sein wird.

Ich will sie die Geschichte des Interbeing, der wechselseitigen Verbundenheit, nennen, die Geschichte vom Zeitalter der Wiedervereinigung, vom ökologischen Zeitalter, von der Welt des Geschenks. Sie gibt völlig andere Antworten auf die entscheidenden Lebensfragen. Hier einige Leitgedanken dieser neuen Geschichte:

    Mein Sein ist Teil von deinem Sein und dem Sein aller anderen Lebewesen. Das geht über wechselseitige Abhängigkeiten hinaus – unsere Existenz selbst ist Beziehung.

    Daher gilt: Was wir anderen antun, tun wir uns selbst an.

    Jede und jeder von uns hat der Welt ein einzigartiges und wichtiges Geschenk zu geben.

    Der Sinn des Lebens ist es unsere Geschenke zu machen, unser Potential zu verwirklichen.

    Jede Handlung ist bedeutsam und hat eine Auswirkung auf den Kosmos.

    Wir sind grundsätzlich ungetrennt voneinander, von allen Wesen und vom Universum.

    Jeder Mensch, dem wir begegnen und jede Erfahrung, die wir machen, ist ein Spiegelbild von etwas in uns selbst.

    Es ist vorgesehen, dass sich die Menschheit vollständig der Gemeinschaft allen Lebens auf Erden anschließt, und dass wir die uns als Menschen eigenen Fähigkeiten dem Wohl und der Entwicklung des Ganzen zur Verfügung stellen.

    Sinn, Bewusstsein und Intelligenz sind intrinsische Eigenschaften der Materie und des Universums.

Der Wunsch einer Sache zu dienen, die das vereinzelte Selbst überschreitet und der Schmerz, den uns das Leid anderer bereitet, sind zwei Seiten einer Medaille. Beide weisen auf unsere wechselseitige Verbundenheit hin. Die aufkommende Wissenschaft, die das zu erklären versucht, sei es mit Spiegelneuronen, horizontalem Gentransfer, Gruppenevolution, morphogenetischen Feldern oder noch ungewöhnlicheren Vorstellungen, erklärt nichts weg sondern verdeutlicht ein Grundprinzip der Verbundenheit, oder darf ich wagen es auszusprechen: des Einsseins. Die Wissenschaft fängt an zu bestätigen, was wir schon immer intuitiv wussten: Wir sind größer als man uns weismachte. Wir sind nicht nur ein von Haut eingekapseltes Ego, eine im Fleisch gefangene Seele. Wir sind alle anderen und wir sind die Welt.

Unsere Gesellschaft funktioniert großteils deswegen, weil wir diese Wahrheit verleugnen. Nur mit den ideologischen und systemischen Scheuklappen zwischen uns und den Opfern der industriellen Zivilisation können wir es ertragen so weiterzumachen. Wohl kaum jemand von uns würde persönlich einem hungrigen Dreijährigen das letzte Stückchen Brot rauben oder seine Mutter mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen in einer Textilfabrik zu arbeiten, aber rein durch unser Konsumverhalten und unsere Teilhabe an dieser Wirtschaft tun wir das quasi jeden Tag. Und alles, was der Welt geschieht, geschieht uns selbst. Auf Distanz zu den sterbenden Wäldern, den Not leidenden Arbeiterinnen, den hungernden Kindern erkennen wir die Ursache unseres Schmerzes nicht. Aber täuschen Sie sich nicht: Bloß weil wir die Ursache nicht kennen, heißt das nicht, dass wir den Schmerz nicht fühlen. Wenn jemand direkt eine Gewalttat begeht und erkennt, was sie damit angerichtet hat, wird sie Reue empfinden. “Gewissensbisse” beißen zurück. So eine Tat auch nur mitzuerleben ist schon schmerzhaft. Aber die meisten von uns können zum Beispiel keine Reue für den ökologischen Schaden empfinden, den der Abbau seltener Erden für unsere Mobiltelefone in Brasilien anrichtet. Der Schmerz daraus und aus all der unsichtbaren Gewalt, die die Maschinerie der industriellen Zivilisation ausübt, ist diffuser. Er durchdringt unser Leben so vollkommen, dass wir kaum wissen, wie es sich anfühlt, sich gut zu fühlen. Gelegentlich erhaschen wir kurz einen Eindruck davon, wie es sein könnte – vielleicht in einem begnadeten Moment, oder durch Drogen, oder wenn wir verliebt sind – und wir erkennen in diesen kurzen Augenblicken, dass am Leben zu sein sich so anfühlen sollte. Selten aber bleiben wir in diesem Zustand für längere Zeit, wo wir ja in einem Meer aus Schmerz treiben.

Es ergeht uns ähnlich wie dem kleinen Mädchen, das seine Mutter zu einer mit mir befreundeten Chiropraktikerin brachte. Die Mutter sagte: “Ich glaube mit meiner Tochter stimmt etwas nicht. Sie ist ein sehr stilles kleines Mädchen und immer brav, aber ich habe sie noch nie lachen gehört. Ja sie lächelt kaum einmal.”

Meine Freundin untersuchte das Mädchen und entdeckte eine Fehlstellung der Wirbelsäule, die dem Mädchen offenbar ständig entsetzliche Kopfschmerzen bereitete. Zum Glück war das eine Fehlstellung, die eine Chiropraktikerin einfach und dauerhaft korrigieren kann. Sie machte die Korrektur – und das Mädchen brach in lautes Lachen aus, das erste, das ihre Mutter je von ihr gehört hatte. Die allgegenwärtigen Kopfschmerzen, die sie als normal zu akzeptieren gelernt hatte, waren auf wundersame Weise verschwunden.

Viele von Ihnen werden vielleicht bezweifeln, dass wir in einem “Meer aus Schmerz” treiben. Ich fühle mich im Moment gerade auch recht gut. Doch trage ich auch die Erinnerung an einen noch viel umfassenderen Zustand des Wohlbefindens in mir, von Verbundenheit und einer Bewusstseinsintensität, die sich damals wie mein Geburtsrecht anfühlte. Welcher Zustand ist normal? Könnte es sein, dass wir tapfer das Beste aus den Umständen machen?

Wie viel von unserem gestörten, an Konsum orientierten Verhalten ist einfach ein Versuch dem Schmerz zu entrinnen, der eigentlich überall ist? Wenn wir von einem Einkauf zum nächsten hasten, von einer suchtfördernden Dröhnung zur nächsten, einem neuen Auto, einem neuen Anliegen, einer neuen spirituellen Idee, einem neuen Selbsthilfebuch, einer größeren Zahl auf dem Bankkonto, der nächsten Nachrichtenmeldung, verschafft uns das jedes Mal einem kurzen Aufschub der Schmerzen. Die Wunde aber, die seine Quelle ist, verschwindet nie. Fehlt die Ablenkung einmal (solche Momente nennen wir “Langeweile”), dann können wir das Unbehagen spüren.

Nicht-Tun

Die Probleme, die wir in unserem Leben und auf der Welt haben (seien es Beziehungskrisen oder Welthunger) rühren von unserer energetischen Schwäche und mangelnden Verbundenheit, von unserer Unfähigkeit uns selbst, einander und die Erde zu fühlen und wahrzunehmen, wie das Leben danach trachtet, sich durch uns zu bewegen und weiterzuentwickeln. Die Frage ist nicht, ob man handeln und “etwas tun” soll oder nicht, sondern was uns eigentlich zum Tun veranlasst.“ (Dan Emmons)

Nichts zu tun ist kein universeller Vorschlag; er bezieht sich spezifisch auf die Zeit, in der eine Geschichte endet, und wir den Raum zwischen den Geschichten betreten. Ich stütze mich hier auf das taoistische Prinzip des Wu-Wei. Manchmal als “Nicht-Tun” übersetzt ist vielleicht eine bessere Übersetzung: “Nicht-Plan” oder “Nicht-Erzwingen”. Es bedeutet Freiheit vom reflexiven Tun: Tun, wenn es Zeit ist zu tun; nicht-Tun, wenn es nicht Zeit ist zu tun. Das Tun ist also mit der natürlichen Bewegung der Dinge im Einklang und im Dienste dessen, was geboren werden möchte.

Hier beziehe ich Inspiration aus einem wunderschönen Vers aus dem Daodejing. Dieser Vers ist extrem dicht, er hat mehrere Bedeutungen und Bedeutungsebenen, und ich habe keine Übersetzung gefunden, die das zum Ausdruck bringt, worauf ich mich hier beziehe. Also ist das Folgende meine eigene Übersetzung. Es ist die zweite Hälfte von Vers 16 – wenn Sie die vorhandenen Übersetzungen vergleichen, werden sie erstaunt sein, wie sehr sie sich unterscheiden.

    Alle Dinge kehren an ihre Wurzel zurück.
    An der Wurzel angekommen ist Stille.
    In der Stille kehrt der wahre Sinn zurück.
    Das ist, was echt ist.
    Das Echte zu kennen stiftet Klarheit.
    Das Echte nicht zu kennen und töricht zu handeln, bringt Unheil.
    Aus dem Wissen um das Echte entsteht freier Raum,
    aus dem freien Raum entsteht Unbefangenheit,
    aus der Unbefangenheit entsteht Souveränität,
    aus der Souveränität entsteht, was natürlich ist.
    Was natürlich entsteht, ist das Tao.
    Aus dem Tao kommt, was dauerhaft ist
    und über sich selbst hinaus Bestand hat.

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